Kurzverzeichnis Implantologie
Kurzverzeichnis Implantologie

Impressionen vom 18. Sommersymposium des Mitteldeutschen Landesverbandes für Zahnärztliche Implantologie im DGI e.V. (MVZI) vom 23.–25. 6. 2011 in Gera zum Thema „Zahnlos – nicht planlos“

Drucken Von Dr. Lutz Tischendorf    aktualisiert am 23.09.2011

Das Thema, des mit 392 Mitgliedern nicht sehr großen Verbandes innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Implantologie für die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und die Vorfreude auf das traditionelle nunmehr 18. Treffen führte 190 Zahnärzte und 82 Helferinnen nach Gera.

Comedian Josef Bertl
Comedian Josef Bertl


Die Stadt an der Elster überraschte mit dem Otto-Dix-Haus, gepflegten Parks infolge der letzten Bundesgartenschau und einem beeindruckenden Theater.
Dr. Thomas Barth und MdB Dr. Rolf Koschorrek
Dr. Thomas Barth und MdB Dr. Rolf Koschorrek
In diesem erlebten wir nach dem Comedian Josef Bertl mit einem Feuerwerk an Bonmots einen Opernball mit Musical Highlights. Die Eröffnung des Symposiums war bemerkenswert: Nach der Begrüßung durch den Präsidenten des MVZI, Herrn Dr. Thomas Barth (Leipzig) sprach zu uns der einzige Zahnarzt mit Sitz im Bundestag, der Schleswig-Holsteiner Dr. Rolf Kosschorek (CDU). Er referierte zu Gestaltungsmöglichkeiten der Gesundheitspolitik. Nach seiner Überzeugung erfordert die demografische Entwicklung langfristig eine Datenvernetzung von Patienten und Ärzten. Die wenig erfreuliche Entwicklung des Gesundheitswesens sei dem jeweils Ministeriums führenden Koalitionspartner anzulasten. In der Diskussion geäußerte Befürchtungen für den Berufsstand, die sich aus der Schere zwischen politisch gefordertem Behandlungs- und Bürokratieaufwand und rückläufigem Einkommen ergeben, wurden so nicht gesehen.

Die Tagung war spannender: Den wissenschaftlichen Leitern, Professor em. Edwin Lenz (Kiliansroda) und Dr. med. habil. Volker Ulrici (Leipzig) war es gelungen, ein in sich geschlossenes Thema abzuarbeiten: Die prothetische Versorgung des zahnlosen Kiefers. Prof. Lenz zitierte die von ihm mitbetreuten deutschen Mundgesundheitsstudien. Nach ihnen ist bei Senioren mit über 20% Zahnlosen zu rechnen, von denen 98% keine Implantate aufwiesen. Überraschend häufig wurde der Funktionswert oberer Totalprothesen von Frauen bemängelt. PD Dr. Stefan Wentaschek (Mainz) besprach aktuelle Planungsprobleme. Gemeinsam stellten die Leipziger Dr. Ulrici und ZTM Walter Böthel Teamarbeit in der Totalprothetik vor, von der Schreinemakerschen Abformung über Stützstiftregistierung, den Einsatz des Gesichtsbogens bis zur Eingliederung des Zahnersatzes. Frau Professor Ingrid Grunter aus Innsbruck analysierte Altersaspekte bei Totalprothesenträgern. Diese werden infolge der demografischen Entwicklung sowohl zahlenmäßig als auch qualitativ zunehmen. Die Menge der jährlich verkauften 60 Tonnen Haftpulver wird ansteigen. Die Individualität der Alternden mit ihrer unterschiedlich reduzierten Adaptationsfähigkeit ist für die Nachhaltigkeit der Therapie, für den Aufwand und hinsichtlich der Nachsorgemöglichkeit zu berücksichtigten. Evidenz gestützte Empfehlungen aber gibt es nicht.

Ich durfte einen historischen Abriss zur Chirurgie im Dienste der Totalprothetik von den Reichenbachschen subperiostalen Implantaten über die präprothetische Chirurgie zur enossalen Implantologie geben. Nach Dr. Edgar Hirsch aus Leipzig ist die 3D-Diagnostik in vielen Fällen besonders im Oberkiefer hilfreich, ja erforderlich, für einfache interforaminale Implantationen im Unterkiefer ist sie aber oft entbehrlich. Prof. Karl Andreas Schlegel (Erlangen) wertete Augmentationsmöglichkeiten mit autologem Material oder Knochenersatzmaterialien. Prof. German Gomez-Roman aus Tübingen analysierte das Schicksal von Implantaten im augmentierten Kiefer. Das muss nicht ungünstiger als im ortständigen Knochen sein. Erfolge kurzer Implantate lassen aber Nebenwirkungen von Augmentationen neu bewerten, was kontrovers diskutiert wurde. Doz. Michael Fröhlich und Dr. Falk Nagel aus Dresden bezogen das Auditorium mit ein und diskutierten mit ihm implantologische Therapiekonzepte in unbezahnten Kiefern. Erwartungsgemäß waren akzeptable Lösungsmöglichkeiten vielfältig – wie im Tagungsthema formuliert. Dr. Robert Böttcher (Ohrdruff) stellte als Versorgungsvariante für unbezahnte Kiefer angulierte Implantate vor, die unter Vermeidung aufwendiger Augmentationen festsitzende Versorgungen ermöglichen. Dr. Dr. Roland Streckbein aus Limburg und Jan Herrmann aus Zwickau brachten schmale Implantate mit ihren konstruktiven und werkstoffkundlichen Grundlagen ins Gespräch. Zu wenig beachtet wurde der Beitrag von Dr. Joachim Eifert aus Halle. Nach dessen Erfahrungen sollten festsitzende implantatgetragene Totalversorgungen geteilt und verschraubt eingesetzt werden, um bei langzeitiger Tragedauer zu erwartende Reparaturen einfacher ausführen zu können. Frau Professor Ina Nitschke (Leipzig und Zürich) griff systematisch und in vielfältigen Aspekten das Thema auf, was bei Patienten altersbezogen zu beachten ist. Die Variationsbreiten der Ansprüche der gealterten „Experten für ihr eigenes Leben“ mit ihrer Subklassifikation von fitten Alten bis zu Pflegebedürftigen und ihre auch medikamentös bedingten Verhaltensmöglichkeiten sind derart groß, dass sie bei flüchtigem Kontakt kaum erfasst werden können. Der herausragende Beitrag bot Lösungswege an, die wegen der demografischen Entwicklung zwingend in die studentische und postgraduelle Ausbildung einfließen müssen. Dr. Arne Boeckler aus Halle stellte die Fülle der Verbindungselemente zwischen Implantaten und Zahnersatz beim Zahnlosen systematisch vor. Das ist ein spannendes, aber in seiner Bewertung über den Zeitverlauf noch sehr erfahrungsgesteuertes Feld.
Dr. Karl-Ludwig Ackermann aus Filderstadt
Dr. Karl-Ludwig Ackermann aus Filderstadt
Der Zahntechniker Matthias Gürtler aus Arnsdorf vermittelte vielfältige Probleme bei Versorgungen mit teleskopierenden Verbindungselementen. Dr. Ralf Rössler (Ludwigshafen und Marburg) besprach den zahnlosen PA-Patienten. Er betrachtet die Parodontitis als Infektionskrankheit, die auch nach Verlust aller Zähne fortdauert. Drei Vorträge folgten meiner Anregung, zur Problematik des alternden Implantates Stellung zu beziehen: Dr. Karl-Ludwig Ackermann aus Filderstadt demonstrierte die Evolution der Implantatprothetik beim Zahnlosen an seinem riesigen Krankengut und zeigte den Wandel eigener Anschauungen mit wachsender klinischer Erfahrung. Dr. Helmut Steveling (Gernsbach) demonstrierte, wie aus Erfordernissen der Praxis Wandlungen im System erfolgten, dass aber auch mit den frühzeitigen, aus heutiger Sicht eher unvollkommenen Technizismen gute Langzeitergebnisse möglich waren.

Dr. Tobias Schneider aus Hechendorf zeigte an Einzelfällen, wie ein junger Zahnarzt mit Problemen an alten Implantaten konfrontiert wird, wie diese gelöst wurden, selbst wenn dann mehrere Implantatsysteme nebeneinander stehen. Mittlerweile besteht in der Schmidingerschen Praxis das Erfordernis, etwa 150 Implantate pro Jahr zu entfernen. Diese Vorträge zeigten, wie erfindungsreich innovativ denkende Implantologen beim individuellen Patientenfall sein müssen. Professor Dr. Stefan Wolfart aus Aachen demonstrierte in seinem ebenso spannenden Beitrag, wie man andererseits versucht, implantologische Erfahrungen so zu systematisieren, dass wissenschaftlich akzeptable Leitlinien entstehen. Es geht um die so genannte evidenzbasierte Implantatprothetik. Es erfordert einen riesigen Aufwand einer systematischen Sichtung der zugänglichen Literatur, um eine wissenschaftliche Begründung für die Entscheidung zwischen festsitzenden oder abnehmbaren implantatgetragenen Zahnersatz im unbezahnten Oberkiefer zu finden. Es waren letztlich nur wenige Arbeiten auswertbar und deren Zusammenfassung führte zu keiner Aussage. Dieser Block mit den 4 Vorträgen war in seiner Komplexität und seinem Kontrast derart bemerkenswert, dass ich mir seine Zusammenfassung in einer Zeitschrift wünsche und anderen Verbänden eine Komplettbuchung empfehlen kann.

Die zahlreich vertretene Industrie veranstaltete gut frequentierte Workshops und gestaltete einen Tagungsabschnitt. Auch sie war mit der Tagung zufrieden. Zum Abschluss wurden freie Vorträge geboten, die sich beschäftigten mit Kooperationen Chirurg/Prothetiker (Dr. Matthias Brückner, Dresden), dem Erfolg kurzer Implantate nach Anitua (Dr. Friedemann Petschelt, Lauf), Periimplantitistherapie (Gerrit Schauermann, Saalfeld), Abwägung von Teleskop versus Locator (Sebastian Janke, Hamburg), Einsatz von Zirkonoxyd und CAD/CAM-Technologie (der Geraer Dr. Hansjörg Heidenreich), augmentationsfreien Behandlungskonzepten (der Geraer Uwe Solcher), Inversionsplastik im interforaminalen Bereich (Dr. Joachim Hoffmann, Jena) und Hilfsimplantaten (Dr. Michael Gey, Chemnitz). Diese Beiträge aus der Praxis für die Praxis honorierte das Auditorium mit einer zahlreichen Anwesenheit noch bis zum Schluss.

Insgesamt war es eine Tagung, mit der es gelungen ist, ein abgeschlossenes Thema in zusammengehörige Komplexe zusammenzufassen. Hierfür und für die großartigen Rahmenveranstaltungen gebührt der wissenschaftlichen Leitung, dem Vorstand und seinem Präsidenten, Herrn Dr. Thomas Barth aus Leipzig höchstes Lob. Wir freuen uns bereits jetzt auf Magdeburg, wo es vom 14.–16. Juni 2012 geht um „Lücken – Rücken – Brücken: Implantatprothetische Therapieansätze im Lückengebiss“.

 

 

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Dr. Thomas Barth und MdB Dr. Rolf Koschorrek   Dr. Karl-Ludwig Ackermann aus Filderstadt  

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