Kurzverzeichnis Implantologie
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Pandemie

Darf eine Antibiose auch „lokal“ erfolgen?

Drucken Von Dr. Hans Sellmann    aktualisiert am 08.10.2009

Eine Pandemie, wir haben das Wort in letzter Zeit in einem anderen Zusammenhang ja häufiger hören müssen, bezeichnet die länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung einer Krankheit - im engeren Sinn einer Infektionskrankheit. Im Gegensatz zur Epidemie ist eine Pandemie somit örtlich nicht beschränkt. Parodontalerkrankungen sind eine Pandemie. Und keiner kümmert sich drum.

Applikation von Arestin® in die aktive Tasche.
Applikation von Arestin® in die aktive Tasche.


Warum nicht? Deswegen, weil sie (anfangs) ja nicht weh tut. Und wie sieht es mit der Behandlung aus? Die konventionelle parodontale Therapie zielt mit der mechanischen manuellen oder maschinellen Behandlung durch Küretten und Scaler auf eine Reduktion der Taschentiefe sowie klinischen Attachmentgewinn hin. Eine Progression der Erkrankung soll somit verhindert werden. Aber wehe wir erzählen unseren Patienten sie hätten eine Parodontitis! Und wir müssten sie behandeln!

Wir sind (nicht) Schuld



Die (zahnärztliche) Vergangenheit mit ihrer unspezifischen Plaquehypothese als (alleinige) Ursache für das Entstehen und die Progression parodontaler Erkrankungen trägt sicher einen hohen Anteil Schuld daran, dass die Behandlung dieser Erkrankung, dieser „Seuche“, bei unseren Patienten so gefürchtet ist. Zum einen lässt sich niemand gerne vorwerfen er „hätte nicht genug geputzt“ und zum anderen kamen seinerzeit wirklich martialische Behandlungsmethoden zum Einsatz. Ich erinnere nur an den Thermokauter, der selbst hartgesottene Patienten, allein durch das olfaktorische Feedback ihrer gegrillten Gingiva, bleich werden ließ.

Lange Zähne



Eine der (vielen) anderen Nebenwirkungen waren durch die „Pocket Elimination“, die falsch verstandene Beseitigung der Zahnfleischtaschen, die langen „Pferdezähne“. Nun gut, sie bescherten den Zahnfleisch-Epithesenbauern volle Auftragsbücher. Aber mal ehrlich - würden Sie, Gesundheit der Gingiva hin oder her, so rumlaufen wollen? Doch nicht aus diesem Grunde wurden die Therapieformen in letzter Zeit subtiler und schonender. Nicht die Elimination der Tasche, nicht die Beseitigung des Biofilms (das geht sowieso nicht) ist nunmehr die Methode der Wahl, sondern deren „Management“. Haben wir damit aber ein Weniger an Effizienz zu befürchten?

Initialphase



Nicht, dass wir uns falsch verstehen, selbst eine durch einen Interleukintest ermittelte „Disposition“ an einer PA zu erkranken, erfordert immer noch eine optimale Mundhygiene, um ihren Verlauf zu stoppen. Aber die in der Initialphase bei bestimmten Erkrankungs-Konstellationen ermittelten parodontopathogenen Keime spielen schon eine wesentliche Rolle in der Therapie einer PA. Zusammen mit dem erwähnten SRP müssen wir sie als Auslöser einer Infektion, und eine solche ist eine PA-Erkrankung ja in den allermeisten Fällen, behandeln. Und Infektionen müssen wir mit antiinfektiösen Maßnahmen begegnen - kurz mit Antibiotika.

Muss das denn sein?



Spätestens wenn wir unserem Patienten ein Metronidazol ohne nähere Erläuterung rezeptieren wird er uns, vorausgesetzt er liest die Packungsbeilage, merkwürdig ansehen. Eine der Hauptanwendungen findet Metronidazol nämlich bei der Behandlung von Trichomonaden-Infektionen. Diese allerdings kommen im Mundraum eher seltener vor. Aber selbst wenn wir genau aufgeklärt haben, bleiben immer noch die „Risiken und Nebenwirkungen“, erklären Sie ihren Patienten einmal, dass sie in Bezug auf Alkohol bei Einnahme dieses Medikamentes zeitweilig abstinent leben müssen. Die Anwendung von (systemischen) Antibiotika ist ja sowieso seitens unserer Patienten häufig von hochgezogenen Augenbrauen und einem gequälten „Muss das denn sein?“ begleitet.

 


Was aber ist die Alternative? Alternativmediziner mögen mir verzeihen aber homöopathische Zubereitungen sind in diesem Fall nicht angezeigt. Bleibt nur die lokale Anwendung von Antibiotika. Lokale Anwendung eines Antibiotikums? Das, so haben wir gelernt, erzeugt doch Resistenzen! Unter dem Begriff Antibiotika-Resistenz werden Eigenschaften von Mikroorganismen zusammengefasst, die es ihnen ermöglichen, die Wirkung von antibiotisch aktiven Substanzen abzuschwächen oder ganz zu neutralisieren.

Eine wichtige Ursache ist die unkritische Verschreibung von Antibiotika. Beispielhaft ist die Verschreibungspraxis bei Bronchitis, bei der nur fünf Prozent der (Husten)Fälle auf Bakterien zurückzuführen sind, der Rest wird durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika keinerlei Wirkung zeigen. Je mehr systemische Antibiotika wir grundsätzlich verordnen, desto größer wird das Resistenzrisiko. Dieses aber können wir verringern.

LDDs



Der systemischen Antibiotikagabe steht heute gleichwertig der Einsatz von Local Delivery Devices zur Seite. Immer mehr setzt sich nämlich neben der systemischen auch die lokale Anwendung pharmakologischer Wirkstoffe durch. Als Grundsätze für die Wirksamkeit dieser LDDs wird postuliert, dass der Wirkstoff an dem Ort, wo er wirken soll - in angemessener Konzentration- und lange genug - verbleiben muss, um seine Wirksamkeit zu erreichen. Einige Anwendungen lokal wirksamer Agenzien erfüllen diese Kriterien jedoch nicht. Mundspüllösungen, gerne und häufig in der PA-Therapie verordnet und als alleinige Maßnahme angewandt, gelangen bei supragingivaler Anwendung nicht tiefer als 5 mm in die Tasche hinein.

Biofilmklumpen



In der Tasche verklumpen die Bakterien. Um bakterizid bzw. bakteriostatisch wirksam sein zu können müssen relativ hohe Wirkstoffkonzentrationen der lokal wirkenden pharmakologischen Wirkstoffe und lange Verweildauern erzielt werden,um den Biofilm „durchdringen“ zu können. Die in der Zahnfleischtasche vorhandene Flüssigkeit (Sulkusfluid) wird nämlich ungefähr 40 mal pro Stunde ersetzt.
Von den LDDs, die bezüglich der Freisetzungsdauer ihrer Inhaltsstoffe in zwei Klassen (Mittel zur unterstützenden Freisetzung mit einer Wirkstoffabgabe für weniger als 24 Stunden und Mittel zur kontrollierten Abgabe mit einer Wirkstoffabgabe über mehr als 24 Stunden) eingeteilt werden, möchte ich Ihnen heute ein in Deutschland neu erhältliches, aber bereits bewährtes Präparat vorstellen.

Die hygienisch einwandfrei verpackte Einzelkapsel wird in den Applikator eingesetzt…
Die hygienisch einwandfrei verpackte Einzelkapsel wird in den Applikator eingesetzt…
… durch eine Drehbewegung arretiert …
… durch eine Drehbewegung arretiert …
… und ist sofort, ohne jegliches Anmischen oder Aktivieren, einsatzbereit für das Einbringen in die Zahnfleischtasche.
… und ist sofort, ohne jegliches Anmischen oder Aktivieren, einsatzbereit für das Einbringen in die Zahnfleischtasche.

Arestin



Arestin® ist ein Minocyklinhydrochlorid. Es handelt sich um das Derivat eines Tetracyclins. Ich zitiere aus der Produktinfo:
Arestin® ist ein lang wirksames, schnell und einfach anzuwendendes Antibiotikum in Pulverform für die lokale Therapie der chronischen Parodontitis. Trotz Scaling und Wurzelglättung (SWG- SRP) können persistierende Bakterien und Plaque in den Parodontaltaschen zurückbleiben. Arestin® verbessert das Behandlungsergebnis deutlich. Nach der subgingivalen Applikation wird Minozyklin am Infektionsort in das Gingivasekret abgegeben und sichert die Konzentration im therapeutischen Bereich für nachweislich 14 Tage. In klinischen Studien wurde die signifikant stärkere Reduktion der Taschentiefe gegenüber SWG allein gemessen.

 

Ist es gut?



Ich habe mich bereits seit langem mit medikamentösen Therapien entzündlicher Parodontalerkrankungen auseinandergesetzt. Sorgfältig habe ich die Anwendungshinweise des Präparates gelesen. Und mir die erhältlichen Studien zuschicken lassen. Danach habe ich Arestin® angewandt.

Patientenfall



Die 58 jährige M. B. litt an einer  aggressiven Parodontalerkrankung. Diese führte nach Taschenabszessen, trotz vorhergegangener systematischer PA-Behandlung, immer wieder zu Rezidiven (aktiven Taschen). Wir führen bei der Patientin regelmäßig professionelle Zahnreinigungen mit entsprechendem Biofilmmanagement durch.

Die Zähne 43 und 21 zeigten anlässlich einer PZR aktive Taschen. Nach Abklingen der akuten Problematik führten wir ein konventionelles SRP nach einer PA-Markerkeimbestimmung durch. Das Ergebnis dieser Untersuchung ergab die Empfehlung ein Minocyclin (ARESTIN®) als LDD anzuwenden. Die Taschen sind seither stabil. Die Anwendung des lokal einzusetzenden Minozyklins Arestin® ist aus der Bilderfolge ersichtlich.

Abrechnung



Die GOZ (§ 6.2) fordert die Berechnung neu entwickelter Diagnose- und Behandlungsverfahren analog zu bestehenden Ziffern, wobei die Auswahl der gleichwertigen Positionen dem Zahnarzt obliegt. Die Anwendung von Arestin® als Tascheninstillation eines LDDs ist als Privatleistung je Parodontium abrechenbar, jedoch nicht am gleichen Parodontium in gleicher Sitzung neben der Taschentamponade oder der GOZ 402 (Mu). Die Anwendung von Arestin® ist eine Privatleistung.

Vorteile



Gegenüber einem systemischen Antibiotikum und generell sehe ich beim Einsatz von Arestin® folgende Vorteile:
•    Die unnötige Angst vor Antibiotika entfällt zugunsten der Vorteile lokal  anzuwendender Antibiotika
•    Arestin® als LDD macht durch seine Bioadhäsion einen Zahnfleischverband, welcher sonst das LDD in der Tasche halten müsste, entbehrlich.
•    Eine systemische Wirkung bzw. Verminderung der systemischen Nebenwirkung ist ein großes Plus dieses Medikamentes.
•    Es hat durch seine verzögerte Freisetzung eine 14-tägige Wirkung.
•    Arestin ist bereits gemischt und abgemessen, ein Kühlen ist nicht erforderlich.
•    Es ist bioresorbierbar und muss nicht aus der Tasche entfernt werden.
•    Es ist in der Anwendung sehr einfach.
•    Arestin ist für den Patienten nicht zu spüren, das heißt er empfindet kein unangenehmes Fremdkörpergefühl nach der Behandlung.
•    Eine lediglich einmalige Gabe der fertigen Einzeldosis ist für den Therapieerfolg erforderlich.
•    Arestin ist 2 Jahre stabil.

Zusammenfassung



Entzündliche Parodontalerkrankungen werden nicht nur wegen einer Verbesserung der Patientencompliance heute weitaus weniger aggressiv behandelt als früher. Neben einer optimalen Mundhygiene und einem SRP können bei Nachweis von PA-Markerkeimen neben systemischen Antibiosen vorzugsweise auch lokal anzuwendende orale Chemotherapeutika, so genannte Local Delivery Devices, zum Einsatz kommen. Das neu in Deutschland erhältliche und von der Firma Henry Schein (www.henryschein.de) in Langen vertriebene Arestin® ist ein wirksames Lokalantibiotikum für den Einsatz in der Zahnfleischtasche. Auf Anforderung (Tel. 01801- 40 00 44 Fax: 08000-40 0044) erhalten Sie eine ausführliche Produktmonografie.
Kontakt:


Dr. med. dent. Hans H. Sellmann
Langehegge 330
45770 Marl
Tel. 0 23 65 / 4 10 00

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Fotostrecke
Die hygienisch einwandfrei verpackte Einzelkapsel wird in den Applikator eingesetzt…   … durch eine Drehbewegung arretiert …   … und ist sofort, ohne jegliches Anmischen oder Aktivieren, einsatzbereit für das Einbringen in die Zahnfleischtasche.  

Dr. Hans Sellmann

Langehegge 330

45770 Marl

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