Veranstaltungen

Spannungsbogen zwischen Bewährtem und Neuem

10. Young ITI Meeting

17.05.2017

Kaum zu glauben, das erfrischende, unkonventionelle und in der globalen ITI-Welt einzigartige Format „Young ITI“ fand im März bereits zum 10. Mal statt. Keine Frage, für so ein „Jubiläum“ musste die Hauptstadt als Austragungsort her und so trafen sich weit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im andel‘s Hotel mitten im Schmelztiegel von Friedrichshain und Kreuzberg, wo sie eine hervorragende Fortbildungsveranstaltung erlebten.

Bewahren wollte man die klassischen Young-ITIQualitäten: Kommunikation während und nach den Vorträgen, ein kollegiales Miteinander, kontroverse Diskussionen und die Möglichkeit des Netzwerkens und des Austausches. Gleichzeitig wollte man praxistaugliche Konzepte darstellen und diese würdigen. Durchaus ein Spagat − ja ein Kraftakt! Den Machern des Meetings ist dieser Kraftakt gelungen und so kann ein überaus zufriedenes Resümee gezogen werden.

„Als wir das erste Young ITI Meeting auf den Weg gebracht haben, hat keiner gedacht, dass wir mal 10-Jähriges feiern dürfen?“, treffender als Young-ITI-Urgestein Prof. Dr. Dr. Andreas Schlegel, der zu den Inauguratoren dieses Formats gehörte, kann man es nicht formulieren!

Den Spannungsbogen zwischen Bewährtem und Neuem in der Implantologie darzustellen war Aufgabe des Planungsteams um Dr. Dogan Kaner, welches seine Aufgabe hervorragend gelöst hat. Die Macher stellten die Praxistauglichkeit bewährter und neuer Konzepte in den Vordergrund, welche sie als Grundvoraussetzung für eine möglichst sichere, vorhersagbare und erfolgreiche implantologische Versorgung definierten. Nicht zu kurz kam hierbei – ganz im Sinne der Young-ITI-Tugenden – die aktive Teilnahme an Diskussionsrunden und am Streitgespräch.

Annual Fellow und Member Meeting

Nachdem am Vortag bereits ein Treffen der Study-Club Direktoren der Deutschen ITI-Sektion stattgefunden hatte, war auch der Auftakt des eigentlichen Fortbildungstages der Deutschen Sektion gewidmet, die in dem globalen Implantologienetzwerk ITI nicht nur eine der mitgliederstärksten, sondern zudem auch eine der echten Aktivposten ist. Belege für diese Einschätzung sind das jüngst gestartete „ITI Implantologie-Curriculum“ und neben dem weltweit einzigartigen Format „Young ITI“ gesellte sich im Herbst 2016 ein weiteres hinzu, welches für das Internationale Team für Implantologie komplett neu war – das „Online-Symposium“ der Deutschen Sektion. Dieses wird auch dieses Jahr erneut im Oktober stattfinden und sich dem Thema „Zirkonoxid“ in der Implantologie widmen.

  • Der Past-Präsident Prof. Dr. Gerhard Wahl übernahm souverän die Aufgaben des verhinderten Präsidenten Prof. Dr. Kleinheinz.

  • Der Past-Präsident Prof. Dr. Gerhard Wahl übernahm souverän die Aufgaben des verhinderten Präsidenten Prof. Dr. Kleinheinz.
In Berlin indes stand die Darstellung der Leistungsfähigkeit dieser rührigen Sektion und deren mannigfaltige Aktivitäten im Vordergrund. So konnte in Vertretung des verhinderten Vorsitzenden, Prof. Dr. Dr. Kleinheinz der Past-Vorsitzende der Deutschen ITI-Sektion, Prof. Dr. Gerhard Wahl, neben einem signifikanten Mitgliederzuwachs auch über das jüngst zu Ende gegangene Fellow-Meeting berichten. Auch das im vergangenen Jahr gestartete Curriculum hat in kürzester Zeit eine so hohe Nachfrage erfahren, dass nunmehr zwei Curricula pro Jahr parallel durchgeführt werden und ein englischsprachiges in Planung ist.

Hier knüpfte der Bericht des Education Delegate der Deutschen ITI-Sektion an: Für den erkrankten Prof. Dr. Dr. Bilal Al-Nawas berichtete Prof. Wahl nicht ohne Stolz, dass das attraktive ITI-Fortbildungsprogramm der Deutschen Sektion einen gründlichen Relaunch erhalten habe und nun − facettenreich und mit hervorragenden Referenten besetzt − keinen Vergleich zu scheuen braucht. Ein ganz wichtiger Pfeiler für das ITI sind die Study Clubs, die es Members und Fellows ermöglichen, sich in ungezwungener Atmosphäre auszutauschen und vom Wissenspool ihrer Fachgesellschaft zu profitieren. In Deutschland zeichnet für die Study Clubs der Münchener Kieferchirurg Prof. Dr. Dr. Andreas Schlegel verantwortlich.

Waren die ersten Jahre seiner Tätigkeit von einem schier unglaublichen Wachstum und von zahlreichen Neugründungen gekennzeichnet, so hat sich das Tempo momentan deutlich verlangsamt, denn, so Schlegel, „eine derart große Zahl an Study Clubs muss auch mit Leben erfüllt und betreut werden“. Folge dieser enormen Entwicklung ist auch eine massive Aufstockung des Personals bei der Deutschen ITI Sektion um die vielen Veranstaltungen auch in der gewohnten Professionalität betreuen zu können. Schlegels Fazit indes ist überaus positiv: „Es läuft gut bei den Deutschen ITI Study-Clubs!“

Dem Autor dieser Zeilen war es in seiner Funktion als Communications Officer zuteil, einen Überblick der Öffentlichkeitsarbeit, deren Präsenz in den Medien und einen Ausblick auf künftige Aktivitäten zu geben. Signifikant ist hier ein deutlicher Wandel der Medienpräsenz weg vom klassischen Printmedium und hin zu den webbasierten Online-Plattformen.

Young ITI Meeting

Nach Begrüßung der 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Dr. Georg Bach stellte Dr. Sascha Pieger die ITI-Online- Academy vor.

Beim letzten ITI Weltkongress in Genf gestartet hat sich die webbasierte Wissensplattform rasant und überaus positiv entwickelt. Gerade im asiatischen Raum hat sich die Online- Academy zum Standardwerk für die Recherche und das Lernen rund um die Implantologie entwickelt. Die mannigfaltigen Möglichkeiten und das faszinierende Angebot stießen bei den Teilnehmern auf ungeteilte Zustimmung – hier war es tatsächlich so, dass das „richtige Angebot bei der passenden Zielgruppe“ präsentiert wurde, wie es Pieger formulierte.

Unter der souveränen und eloquenten Moderation von Dr. Dr. Stefan Kindler (Greifswald) startet die erste Session des wissenschaftlichen Programms. Den ersten Beitrag hierzu steuerte der Marburger Kieferchirurg Dr. Marcel Hanisch (Münster) bei, der über seltene Erkrankungen mit Manifestationen im Zahn-, Mund- und Kieferbereich sprach.

Der Münsteraner Oberarzt der Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie der dortigen Universitätszahnklinik definierte eine seltene Erkrankung als eine, die in einem geringeren Verhältnis als 1 : 2.000 trifft – statistisch sind dieser Definition folgend jedoch alleine in der Bundesrepublik über 4 Millionen Patienten betroffen.

Bis zur endgültigen Diagnose einer seltenen Erkrankung geht oftmals eine über 10-jährige Vorgeschichte – für die Patienten oftmals auch eine Leidensgeschichte – ins Land. Nicht selten stellen Kieferchirurgen und Zahnärzte die Erstdiagnose.

Derzeit sind 531 seltene Erkrankungen mit orofazialen Manifestationen bekannt, diese können in der ROMSE-Plattform abgerufen werden.

  • Das Streitgespräch des Young ITI Meetings. Hier im Bild Dr. Dr. Stefan Kindler und Dr. Tabea Flügge.

  • Das Streitgespräch des Young ITI Meetings. Hier im Bild Dr. Dr. Stefan Kindler und Dr. Tabea Flügge.
Zahlreiche faszinierende Fallbeispiele seltener Erkrankungen, wie z. B. das mit einem Zwergenwuchs und multiplen Zahnanomalien einhergehende Seckel-Syndrom rundeten die Ausführungen Hanischs ab, dessen zentrale Forderung ein flächendeckendes Angebot von entsprechenden Spezialsprechstunden für seltene Erkrankungen war.

„Praxistaugliche Strategien zur Vermeidung der Periimplantitis“ ein überaus praxisrelevantes Thema, welches Dr. Dogan Kaner (Berlin) gewählt hatte. Kaner definierte Rauchen, schwere Parodontitis und fehlende Nachsorge als die Risikofaktoren für das Entstehen einer periimplantären Läsion, ferner Zementreste und schwierige Mukosaverhältnisse. Hier sieht Kaner das bewährte freie Schleimhauttransplantat nach wie vor als Methode der Wahl für eine Verbesserung der mukosalen Verhältnisse.

Als take home message forderte Kaner eine synoptische Behandlungsplanung nach dem „Freiburger-Prinzip nach Professor Strub“, denn so der Berliner Referent, „Implantate muss man sich verdienen!“

Dr. Tabea Flügge (Freiburg) vermochte in eindrucksvollen Fallbeispielen zu erläutern, wie wichtig die virtuelle Implantatplanung in den vergangen Jahren geworden ist und wie etabliert dieses Verfahren zwischenzeitlich ist. Wer glaubte, dass die Breisgauer Oralchirurgin hierbei nur die mannigfaltigen Optionen der digitalen Planung hervorheben würde, sah sich getäuscht – die Darstellung der Limitationen war ebenfalls Bestandteil ihrer Ausführungen. Flügge definierte drei Teile einer virtuellen Implantatplanung – die (3D-) Datenakquisition, das Computer Aided Design (CAD) und letztendlich die CAM-Produktion des Zahnersatzes. Die Breisgauer Oralchirurgin wies darauf hin, was zwischen DVT-Rekonstruktion und Intraoralscan Abweichung von bis zu 0,5 mm bestehen können. Grund hierfür könnten Artefakte verursacht durch eingegliederte Restaurationen sein, eine klare Limitation, so Flügge. Dies vor allem weil sich der entsprechende Fehler durch die weitere Planung durchziehen, ggf. sogar noch verstärken wird. In-vivo sind die Abweichungen/ Ungenauigkeiten stets höher als in-vitro. Hier nimmt auch die Lagerung der Schablonen eine wesentliche Rolle ein.

Einem Megatrend der vergangenen Jahre folgend analysierte Dr. Christian Schmitt (Erlangen) aktuelle Konzepte des Weichgewebsmanagements in der Implantologie und definierte deren Einsatz und Notwendigkeit. Unbedingte Voraussetzung für ein ästhetisch ansprechendes Ergebnis, so Schmitt ist eine korrekte Implantatposition in allen drei Dimensionen und ein Hartgewebssupport. Danach muss die Verbesserung der Weichteilsituation mit keratinisierter und attached gingiva im Vordergrund der Bemühungen stehen. Eine wichtige Hilfestellung kann hier der Einsatz von Biomaterialien darstellen. Schmitt wies jedoch darauf hin, dass sich Biomaterialien bei der Einheilung anders als autologe Materialien verhalten und so auch alternative chirurgische Vorgehensweise bedingen. Dies gilt vor allem zur Vermeidung der bei Biomaterialeinsatz typischen Schrumpfungstendenz, hier ist die „Überaugmentation“ Methode der Wahl.

Vorteilhaft für den Patienten wirken sich hier die unbegrenzte Verfügbarkeit der Biomaterialien und die deutlich verkürzte OP-Zeit für den Patienten aus.

  • Dr. Kai Fischer: „Ridge Preservation verfolgt mich seit meinem Studium!“

  • Dr. Kai Fischer: „Ridge Preservation verfolgt mich seit meinem Studium!“
„Ridge Preservation – immer und überall?“ − in Zeiten eines vieldiskutierten und in Frage gestellten generellen präimplantologischen Augmentationsbedarfs fürwahr ein „heißes“ Thema, welches sich Dr. Kai Fischer (früher Witten, jetzt Würzburg) für seinen Beitrag zum wissenschaftlichen Programm ausgesucht hatte.

„Das Thema Ridge Preservation verfolgt mich seit meinem Studium!“, so die Eingangsaussage des nunmehr in eigener Praxis tätigen Referenten. Ein von ihm anfangs vorgestelltes Review belegt, dass mit Hilfe der Ridge Preservation signifikante Verbesserungen zu erzielen sind. Das Ausmaß dieser Verbesserungen indes wird sehr unterschiedlich gewertet, eine einheitliche Datenlage liegt nicht vor. Hauptproblem sei der vertikale Verlust. Zur Komplikationsvermeidung indes kann man mit dem Einsatz von resorbierbarem Biomaterial, ggf. ergänzt durch den Einsatz von Hyaluronsäure, dienlich sein. Unabdingbare Bedingungen hierfür sind eine sorgfältige Degranulation, das Ausnutzen der approximalen Knochenwände und – dass der Patient Zeit hat!

Fazit Fischers: „Ridge Preservation immer und überall?“ hier ein klares „Nein!“. Zum Zeitpunkt der Extraktion sollte allerdings klar sein, welches Konzept später verwirklicht werden soll. Davon abhängig kann entschieden werden, ob erhaltende Maßnahmen erforderlich werden oder nicht.

Ein eidgenössisches Referentenduo steuerte die beiden letzten Vorträge bei – aus der französischen Schweiz kommend gab Dr. Stefan Hicklin (Genf) wichtige Entscheidungshilfen zu der kontrovers diskutierten Fragestellung „festsitzend versus abnehmbar“: Auch wenn der Trend der vergangen Jahre – korrespondierend mit den Patientenvorstellungen und -wünschen − klar in Richtung festsitzender Versorgung ging, so wies Hicklin der abnehmbaren Versorgungsform nach wie vor hohe Wertigkeit zu.

Bezüglich Planungsbedarf, Erfordernis einer Augmentation und der Erzielung eines ästhetisch guten Ergebnisses auch beim kompromittierten Patienten hat die abnehmbare Konzeption sogar klare Vorteile und so – so das Fazit Hicklins – kommt es auf den Patienten und seine Zielvorgabe an, welchen der beiden Versorgungsphilosophien der Vorzug zu geben ist.

Beeindruckend die Kernaussage Hicklins, dass ein unerfüllter Implantatwunsch für die Patienten eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität darstellt. Unabhängig von festsitzender und abnehmbarer Implantatprothetik bedeute die Insertion künstlicher Zahnpfeiler für die Patienten eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität.

„Sind kurze Implantate praxisreif?“ − eine knifflige Frage fürwahr! PD Dr. Philipp Sahrmann (Zürich) analysierte, wertete und gab Antworten: Anhand wissenschaftlicher Daten und gut dokumentierter Fallbeispiele konnte er darstellen, dass sich in den vergangen Jahren wesentliche Verbesserungen und neue Erkenntnisse ergeben haben, die auch den sogenannten „shorties“ eine klare Berechtigung zuweisen. Neue, verbesserte Oberflächen, minimalinvasive Insertionstechniken und ausgewogene Belastungskonzepte ermöglichen den Einsatz kurzer Implantate in vielen Fällen auch unter Vermeidung aufwändiger und invasiver augmentativer Eingriffe.

Das Streitgespräch

Der Klassiker – das Streitgespräch des Young ITI Meetings! Ausgewiesene Experten diskutieren zu einem relevanten Thema – traditionsgemäß am Ende eines Young ITI Meetings. In Berlin gaben Fallbesprechungen den äußeren Rahmen für das Streitgespräch an dem als Diskutanten Dr. Kai Fischer, Dr. Stefan Hicklin, Dr. Tabea Flügge, Dr. Dogan Kaner und Prof. Dr. Gerhard Wahl teilnahmen. Zufrieden konnten die Macher des 10. Young ITI Meetings am Samstagabend ein erstes Resümee ziehen – der Relaunch des Young-ITI ist geglückt, das Format 2.1 läuft.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Georg Bach


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