Veranstaltungen

Parodontale und periimplantäre Erkrankungen erstmals klassifiziert

EuroPerio9 mit Besucherrekord in Amsterdam

Das Plenum war durchweg gut besetzt.
Das Plenum war durchweg gut besetzt.

Vom 20. bis 23. Juni trafen sich 10.232 Teilnehmer aus 111 Ländern zur EuroPerio9 in Amsterdam. Der weltweit führende Kongress für Parodontologie und Implantologie bot ein vielfältiges Programm: Von praktischen Sessions bis hin zur evidenzbasierten Parodontologie war einiges geboten. Erstmals vorgestellt wurde die international abgestimmte Klassifikation parodontaler und periimplantärer Erkrankungen und Zustände.

Schon vor der offiziellen Eröffnung der EuroPerio9 gab es zahlreiche Parallel-Symposien und Sessions zu besuchen. Die Besucherzahlen waren bereits am ersten Veranstaltungstag sehr hoch. So konnte der EFP-Präsident Prof. Dr. Dr. Anton Sculean seine Kollegen aus Japan begrüßen, um eine gemeinsame Session mit der japanischen Parodontologengesellschaft zum Thema „Biofilm und anti-infektiöse Therapie“ abzuhalten. Auch die ersten Industrie-Workshops waren ausgebucht und in der Posterausstellung wurde neueste Forschung präsentiert und miteinander diskutiert.

In einer festlichen Zeremonie mit Lasershow und Tanzperformance wurde die EuroPerio9 durch die Kongressvorsitzende Dr. Michèle Reners und Prof. Søren Jepsen, Vorsitzender des wissenschaftlichen Programms, eröffnet. Vertreter der 30 Partnergesellschaften, die unter dem Dach der EFP vereint sind, versammelten sich als Sinnbild der Partnerschaft mit ihren Nationalflaggen auf der Bühne. Interessant zu sehen die Entwicklung der Teilnehmerzahlen der EuroPerio: Waren es im Jahr 2000 in Genf noch 3.800 Teilnehmer, stieg diese Zahl bereits 2009 in Stockholm auf knapp 7.000; 2015 in London waren es 9.600 – die Zehntausender-Marke wurde in Amsterdam nun endgültig geknackt.

Neue Studien zur Antibiotikaresistenz

Am Donnerstagmorgen diskutierten Prof. Dr. Andrea Mombelli (Schweiz) und Prof. Dr. David Herrera (Spanien) über den Antibiotikaeinsatz in der Parodontologie. Mombelli positionierte sich klar dafür, dass Antibiotika keinesfalls als Ersatz für ein unzureichendes Scaling im Vorfeld eines oralchirurgischen Eingriffs verordnet werden soll. Es darf nur bei guter Mundhygiene in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen. Herrera verzichtet gänzlich auf den initialen Einsatz systemischer Antibiotika. Die zunehmende Gefahr der Entwicklung bakterieller Resistenzen muss Berücksichtigung FORTBILDUNG finden. Denn die Antibiotikaresistenz steigt in allen Teilen der Welt auf ein gefährlich hohes Niveau. Und die Resistenz gegen Antibiotika beeinträchtigt die Fähigkeit, Infektionen zu behandeln und Patienten zu heilen.

Diese zunehmende Resistenz konnte auch Dr. Karin Jepsen (Bonn) in ihrer Studie an 7.804 Patienten über 7 Jahre nachweisen. Es wurden Proben von Bakterien aus dem Zahnfleisch von Parodontitis- Patienten entnommen. Ausgewählte Krankheitserreger wurden auf ihre Anfälligkeit für verschiedene Arten von Antibiotika getestet und im Laufe der Zeit auf Arzneimittelresistenz untersucht“, erläuterte Dr. Jepsen. „Derzeit wird die meiste systemische parodontale Antibiotikabehandlung ohne Anleitung einer vorherigen mikrobiologischen Analyse verschrieben“, fuhr sie fort. „Eines der Risiken dieses Ansatzes besteht darin, dass die parodontalen Krankheitserreger gegen das ausgewählte Antibiotikum resistent oder wenig anfällig sind, was die Wirksamkeit der antimikrobiellen Therapie beeinflusst und das Risiko eines Therapieversagens erhöht.“

Die Ergebnisse waren sehr alarmierend und besorgniserregend − der wahllose Einsatz von Antibiotika muss eingeschränkt werden! In den meisten Fällen kann Parodontitis durch konventionelles Scaling & Root planing sowie verbesserte Mundhygienemaßnahmen behandelt werden. Antibiotika sollte nur bei schwerer Parodontitis angewendet werden. Die EFP plant im nächsten Jahr eine Publikation von Leitlinien zur Antibiotikagabe in der PA-Therapie.

Rauchen beeinflusst Implantate

PD Dr. Bernhard Pommer (Wien) widmete sich der Frage, wie Rauchen den Erfolg von Zahnimplantaten beeinträchtigt. Er präsentierte eine groß angelegte Studie mit 20.000 Implantaten, die eine Gesamtüberlebensrate von 10 Jahren von mehr als 90% ergab. Jedoch bei jungen Rauchern, die bereits an Parodontitis litten, bestand ein erhöhtes Risiko für Implantatversagen im Vergleich zu jungen gesunden Personen.

„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Rauchen den langfristigen Implantaterfolg in allen Gruppen beeinträchtigt, außer bei jungen parodontal gesunden Patienten“, sagte er. „Im Gegenteil, bei jüngeren Patienten (unter 40 Jahre) mit einer Parodontitis in der Vorgeschichte hatte das Rauchen einen großen Einfluss, mit einem 5,5-fach erhöhten Risiko des Versagens verglichen mit jungen gesunden Personen.“

Pommer erklärte diesen Effekt mit der Tatsache, dass es sich bei einem frühen Beginn der Parodontitis in der Regel um eine aggressive Variante handelt.

Bedeutung der Ernährung

EFP-Generalsekretär Prof. Iain Chapple (Birmingham) sprach über Ernährung und Parodontalgesundheit und beleuchtete neue Studienerkenntnisse, die zeigen, dass Ernährung bei anfälligen Personen zu Parodontalerkrankungen beitragen kann. „Die Forschung mit einem experimentellen Gingivitis-Modell zeigte eine erhöhte Blutungsrate beim Sondieren, wenn die Teilnehmer mit einer kohlenhydratreichen Ernährung gefüttert wurden, im Vergleich zu denen mit einer zuckerarmen Diät“, so Prof. Chapple. Die genauen Mechanismen sind zwar heute noch nicht bekannt, aber dennoch kann den Patienten empfohlen werden, die Aufnahme von Fischölen, Ballaststoffen, Obst und Gemüse zu erhöhen und den Gehalt an raffiniertem Zucker im Rahmen einer parodontalen Prävention und Behandlung zu reduzieren.

Visuelles Highlight

Gesteigerte Aufmerksamkeit fand die Weltpremiere des von Quintessenz publizierten 3D-Wissenschaftsfilm zur Kommunikation der Zellen, der anschauliche Einblicke in Periimplantitis und deren Prävention bietet und wichtige Botschaften mit Hilfe faszinierender Bilder vermittelt.

Neue Klassifikation vorgestellt

  • Das EFP-Komitee bei der Eröffnungs-Pressekonferenz (von links): Prof. Bruno Loos, Prof. Dr. Dr. Anton Sculean, Dr. Michèle Reners, Prof. Iain Chapple und Prof. Dr. Søren Jepsen.

  • Das EFP-Komitee bei der Eröffnungs-Pressekonferenz (von links): Prof. Bruno Loos, Prof. Dr. Dr. Anton Sculean, Dr. Michèle Reners, Prof. Iain Chapple und Prof. Dr. Søren Jepsen.
    © EFP
Der gesamte Freitagvormittag war der mit Spannung erwarteten Präsentation der internationalen Klassifikation parodontaler und periimplantärer Erkrankungen und Zustände gewidmet. Es handelt sich um eine grundlegende Aktualisierung der bisher gültigen Klassifikation aus dem Jahr 1999. Die vorgestellte Klassifikation ist das Resultat eines Workshops, der im November 2017 gemeinsam von der European Federation of Periodontology (EFP) und der American Academy of Periodontology (AAP) in Chicago durchgeführt wurde. Mehr als 100 Experten aus Europa, Amerika, Asien und Australien nahmen daran teil. Gemeinsam wurde die vorhandene Literatur ausgewertet, mit dem Ziel einen globalen Konsens zu definieren, der eine standardisierte Versorgung von Patienten rund um den Erdball ermöglicht. „Die neue Klassifikation soll eine weltweit einheitliche Vorgehensweise zur Diagnostik und Handhabung ermöglichen und schließlich die Behandlungsergebnisse unserer Patienten verbessern“, so EFP-Generalsekretär Prof. Iain Chapple, der auch Co-Vorsitzender einer der vier Workshop-Gruppen ist.

  • Dr. István Urbán sprach über die Fortschritte in der vertikalen und horizontalen Knochenaugmentation.

  • Dr. István Urbán sprach über die Fortschritte in der vertikalen und horizontalen Knochenaugmentation.
    © EFP
Die neue Klassifikation basiert auf der aktuellsten Evidenz und beinhaltet ein „Staging und Grading“ System für die Parodontitis. Die Unterscheidung in chronische und aggressive Parodontitis wird abgeschafft. Parodontitis ist immer als chronische Erkrankung zu sehen, die meist lebenslang behandelt werden muss. Deshalb wird die Erkrankung zukünftig in Stadium und Grad der Erkrankung eingeteilt. Berücksichtigt werden neben dem Schweregrad und dem Ausmaß der Erkrankung auch das Lebensalter zum Zeitpunkt der Erkrankung und der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten. Parodontitis wird zukünftig in vier Stadien eingeteilt. Dabei steht Stadium 1 für „am wenigsten schwer“ und Stadium 4 bedeutet „am schwersten“. Das Risiko und die Progression der Erkrankung ist in drei Grade unterteilt. Grad A bedeutet „niedriges Risiko“ und Grad C steht für „hohes Risiko“. Diese Einteilung in Grade berücksichtigt auch Risikofaktoren, wie z.B. Rauchen, und Begleiterkrankungen, wie Diabetes.

  • Die teils moderierte Posterausstellung erwies sich als Besuchermagnet.

  • Die teils moderierte Posterausstellung erwies sich als Besuchermagnet.
    © EFP
In der Klassifikation werden nun auch periimplantäre Erkrankungen berücksichtigt und in „periimplantäre Gesundheit“, „periimplantäre Mukositis“ und „Periimplantitis“ klassifiziert.

Durch die Klassifikation wird genau definiert, was „klinisch gesund“ bedeutet, nämlich „das Fehlen einer klinisch nachweisbaren Entzündung“.

Um weltweit alle an der Mundgesundheit beteiligten Personen zu schulen, bereitet die EFP für sämtliche Mitgliedsgesellschaften anschauliches Ausbildungsmaterial inkl. Fallbeispielen vor, um eine sorgfältige Ausbildung zu gewährleisten. Spätestens in diesem Schritt soll erreicht werden, dass die Einfachheit der Klassifikation erkannt wird, auch wenn diese auf den ersten Blick recht komplex erscheint.

Für jeden was geboten

  • Dr. Karin Jepsen präsentierte ihre neuesten Studienergebnisse zum Antibiotikaeinsatz.

  • Dr. Karin Jepsen präsentierte ihre neuesten Studienergebnisse zum Antibiotikaeinsatz.
    © EFP
Eine Live-OP von Prof. Giovanni Zucchelli (Italien) und Dr. Martina Stefanini (Italien) wurde am Freitag aus der ACTA-Schule in Echtzeit und in hoher Qualität übertragen. Prof. Jepsen war davon genauso begeisterte wie die Zuschauer. „Mehr als 4.500 Menschen, die schweigend zusammensitzen und sich auf das konzentrieren, was da gerade live gezeigt wird, das hab ich so noch nie erlebt“.

Ein weiteres Highlight war eine interaktive Session unter Vorsitz von Prof. Dr. Christoph Hämmerle (Schweiz) und Dr. David Nisand (Frankreich). Ein interdisziplinäres Expertenteam diskutierte verschiedene Behandlungsentscheidungen und -lösungen. Das Publikum stimmte direkt über die verschiedenen Optionen ab.

Sicherlich auch ein Höhepunkt, die neue Session „Nightmare“. Dr. Caroline Fouque (Frankreich), Dr. Giulio Rasperini (Italien) und Dr. Jean-Louis Giovannoli (Frankreich) stellten ihre schrecklichsten Behandlungsszenarien in der Parodontalchirurgie, regenerativen Chirurgie und Implantatchirurgie vor.

Einen weiteren Glanzpunkt setzte Prof. Dr. Klaus Lang (Schweiz) mit seinem Rückblick auf 50 Jahre Parodontologie. Einer der erfahrensten Pioniere ließ die zahlreichen Zuhörer an seiner jahrzehntelangen Erfahrung teilhaben. Mit den Worten „It’s all about people“ eröffnete er seinen Rückblick. Eine der wichtigsten Botschaften war jedoch, dass man dem Gewebe immer ausreichend Zeit geben muss zum Heilen.

Fazit

In Amsterdam wurden ausreichend Grundlagen für eine zukunftsträchtige evidenzbasierte Parodontologie in Klinik und Praxis gelegt. Trotz fünfstelliger Teilnehmerzahl eine entspannte Atmosphäre, die die Zufriedenheit von Referenten, Zuhörern und Industrie wiederspiegelte. Man kann gespannt sein, wie dieses globale Highlight in drei Jahren in Kopenhagen noch getoppt werden kann. Die Vorbereitungen für den Kongress vom 2. bis 5. Juni 2021 laufen jedenfalls schon auf Hochtouren.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Carmen Bornfleth


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