Veranstaltungen

Deutscher ITI Kongress in Bonn

Implantologie der Zukunft – Evidenz trifft Innovation

Prof. Dr. Kleinheinz bei der Begrüßung im ehemaligen Plenarsaal des Deutschen Bundestages.
Prof. Dr. Kleinheinz bei der Begrüßung im ehemaligen Plenarsaal des Deutschen Bundestages.

Nach dem letzten ITI-Kongress im Jahr 2015 in Dresden, fand der 10. ITI Kongress Deutschland vom 16. bis 17. März 2018 in der Bundesstadt Bonn statt. Rund 800 Teilnehmern wurde ein facettenreiches Programm mit namhaften Referenten im modernen World Conference Center Bonn geboten. Die wissenschaftliche Leitung oblag dem wissenschaftlichen Komitee um Univ.-Prof. Dr. Dr. Johannes Kleinheinz, dem Chairman der Deutschen ITI-Sektion.

Vor dem Start des ITI-Kongresses fanden zwei vielbeachtete Foren statt. Bereits am Donnerstag hatte Straumann zum „Forum Markt und Strategie“ wichtige Kunden und Meinungsbildner eingeladen. Marco Gadola, CEO von Straumann, und Holger Haderer, Geschäftsführer Deutschland, skizzierten den Wandel des Implantat- bzw. Dentalmarktes und die sich daraus ergebenden Veränderungen im Allgemeinen und speziell für Straumann. Wichtig war den Rednern zu betonen, wie fruchtbar und wichtig die Zusammenarbeit mit dem ITI ist. Denn beide Partner – Straumann und ITI – profitieren von dieser Partnerschaft.

Am Vormittag des ersten Kongresstages folgte das Innovationsforum der Industrie. Die Referenten beleuchteten unterschiedliche Trendthemen, wie die minimalinvasive Sinuslift-OP und das Thema „Praxisrelaunch“. Straumann fokussierte auf den digitalen Wandel in der Zahnmedizin. Zwei eingespielte Referententeams gaben Einblicke in die Themen „Digitale Bilddaten als Grundlage für den digitalen Workflow“ und „Der digitale Workflow als Symbiose zwischen dentaler Chirurgie und Dentallabor“.

Der besondere Vortrag

Gleich zum Kongressauftakt gab es eine Überraschung und einen Ortswechsel. Prof. Kleinheinz begrüßte die Gäste im ehemaligen Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Nachdem die Gäste ihre Plätze mit Blick auf den Bundestagsadler eingenommen hatten, eröffnete Prof. Kleinheinz offiziell den ITI-Kongress. Er freute sich, den Referenten des besonderen Vortrages vorzustellen: Finanzexperte Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, einer der bekanntesten und versiertesten Referenten zum Generationenvertrag, sprach über Demographie und Gesundheitsversorgung. Wo wir heute stehen und wohin der Weg geht, erläuterte er anhand knallharter Fakten.

Trotz bitterer Gewissheit über die zukünftige Deckungslücke in den Sozialkassen, brachte er die Zuhörer mit teils humorvollen Formulierungen zum Schmunzeln. Sicher ist, dass die kommenden Generationen bereit sind, soviel in die Sozialsysteme einzubezahlen wie wir heute. Allerdings nicht mehr! Aber das wäre nötig aufgrund der heute schon absehbaren demographischen Entwicklung.

Er sieht als Lösung nur die Einführung einer sozial abgefederten Gesundheitsprämie, Einführung eines Selbstbehalts für ambulante Leistungen und Maßnahmen und das ganze unter Ausgliederung der zahnmedizinischen Leistungen.

Chirurgie

  • Diskussionsrunde zum Thema „Chirurgie“ (von links): PD Dr. Stefan Röhling, Prof. Dr. Dr. Dieter Weingart, Prof. Dr. Stefan Fickl und Dr. Arndt Happe.

  • Diskussionsrunde zum Thema „Chirurgie“ (von links): PD Dr. Stefan Röhling, Prof. Dr. Dr. Dieter Weingart, Prof. Dr. Stefan Fickl und Dr. Arndt Happe.
    © Bornfleth
Den ersten Fachvortrag der Session „Chirurgie“ übernahm Dr. Arndt Happe aus Münster. Er stellte Schlüsselfaktoren für den Erfolg in der ästhetischen Zone vor. „Planung ist das A und O in der ästhetischen Zone“, so Happe. Er definierte die korrekte dreidimensionale Position des Implantates, eine adäquate Knochenarchitektur und stabiles Knochenvolumen sowie das biologische Weichgewebe als unabdingbare Voraussetzungen für das Erzielen eines ästhetisch zufriedenstellenden Ergebnisses. Die Freilegungs-OP trägt auch zur Ästhetik bei. Hier empfiehlt er die split-finger-Technik nach Misch.

„Die ästhetisch kritische Zone − Sofortimplantate oder verzögerte Verfahren?“ war das Thema von Prof. Dr. Stefan Fickl (Fürth). Für eine Sofortimplantation müssen die Voraussetzungen passen, dies bedingt eine strenge Fallselektion. Im Zweifelsfall besser verzögert. Allerdings bietet die Sofortimplantation entscheidende Vorteile – nicht nur in betriebswirtschaftlicher Hinsicht. Eine defekte Alveole braucht in jedem Fall eine zusätzliche Barriere.

Weiter ging es mit Prof. Dr. Dr. Dieter Weingart (Stuttgart), dem ITI-Past-Präsidenten. Er hinterfragte das Problemfeld: Implantatverlust mit Defektsituation: erneute Implantation oder Alternativtherapie? Er erklärte, dass jeder der Anwesenden, der noch keine Misserfolge hatte, vermutlich noch nicht genug implantiert habe. Ausgehend von einer eigenen Untersuchung mit weit über 100 Patienten, bei denen nicht erhaltungswürdige Implantate entfernt wurden, definierte Weingart Rauchen und fehlende Augmentation als Risiken für das Scheitern von Implantaten. Dies geschieht in den meisten Fällen im ersten und dann wieder ab dem sechsten Jahr nach Insertion. Der Hauptgrund für die Entfernung war das Ausbilden einer Periimplantitis. Immerhin die Hälfte der Patienten entschied sich für eine erneute Implantation trotz schlechter Ersterfahrung.

„Keramikimplantate – wissenschaftliche Grundlagen und klinische Evidenz“ das Vortragsthema von PD Dr. Stefan Röhling (Basel). In der Arbeitsgruppe um Röhling entstanden in der Vergangenheit wesentliche Arbeiten zu Keramikimplantaten und deren klinischen Einsatz. „Die Diskussion um Keramik versus Titan wird weniger auf der wissenschaftlichen, als auf der emotionalen Ebene diskutiert“, weiß Röhling. Sowohl ein- als auch zweiteilige Implantate aus Zirkonoxid haben wissenschaftlich unter Beweis gestellt, dass sich mit ihnen zuverlässig und voraussagbar klinische Langzeiterfolge erzielen lassen. Sie zeigen gleichwertige Osseointegrationskapazität und identische Proportionen der biologischen Breite. Die Wahrscheinlichkeit des Ausbildens einer Periimplantitis ist jedoch wesentlich weniger ausgeprägt. Für Röhling ist Zirkonoxid eine verlässliche Alternative zu Titan. Die Einheilzeiten sind identisch!

  • ITI-Präsident Dr. Stephen Chen stellte sich den Fragen der Presse.

  • ITI-Präsident Dr. Stephen Chen stellte sich den Fragen der Presse.
    © Bornfleth
Der amtierende ITI-Präsident Prof. Stephen Chen (Melbourne) ließ es sich nicht nehmen, einen Beitrag zum wissenschaftlichen Programm beizusteuern. Er sprach über „post extraction ridge alteration“. Der Verlust der bukkalen Lamelle in den ersten drei Monaten nach Zahnverlust stellt eine der größten Herausforderungen dar. Eine Voraussage, ob eine Alveole intakt bleibt oder sich eine Dehiszenz ausbildet ist nicht möglich. Das erschwert die Entscheidungsfindung. Doch die kritische Zeit, ab der erhebliche horizontale und vertikale Knochenverluste nach Extraktion wahrscheinlich werden, definiert Chen eindeutig mit zwei Monaten. Deshalb: „Lassen Sie nicht mehr als zwei Monate nach Extraktion verstreichen, bevor Sie mit der Insertion der Implantate starten“, so Chen.

Vorträge der ITI Fellows

  • Dr. Tabea Flügge (links) und Prof. Dr. Katja Nelson brachten das Thema „Digitale Bilddaten“ als Grundlage für den digitalen Workflow auf den Punkt.

  • Dr. Tabea Flügge (links) und Prof. Dr. Katja Nelson brachten das Thema „Digitale Bilddaten“ als Grundlage für den digitalen Workflow auf den Punkt.
    © Bornfleth
Als Besonderheit der ITI-Kongresse referieren ITI-Fellows in einer speziellen Session am Samstagmorgen zu aktuellen Themen der Implantologie. Die Resonanz auf diesen „Fellow-Block“ war wieder einmal sehr gut. Die Themen reichten von anatomischen Fallstricken in der Implantologie über Implantate bei vestibulärem Defizit, über therapeutische Optionen mit durchmesserreduzierten Implantaten (< 3 mm) bis hin zu einem Vergleich zwischen Intraoralscan und konventioneller Abformung.

Alle Referenten hatten sich das Kongressmotto „Implantologie der Zukunft − Evidenz trifft Innovation“ zu Herzen genommen und für die Zuhörer relevante Take home Messages formuliert.

  • ZTM Urs Volz, Dr. Johannes Röckl und ZTM Christian Müller (von links) sind sich einig, dass digitale Technologien in Praxis und Labor angekommen sind.

  • ZTM Urs Volz, Dr. Johannes Röckl und ZTM Christian Müller (von links) sind sich einig, dass digitale Technologien in Praxis und Labor angekommen sind.
    © Bornfleth
Prof. Dr. Götz (Bonn) lieferte ein Anatomie-Update: „Beachten Sie die unglaubliche Variationsbreite des Verlaufs der Unterkiefernerven und des foramen mentale! Diese können auch ethnisch bedingt variieren und mitunter doppelt und dreifach angelegt sein! Nutzen Sie die neuen bildgebenden Verfahren, die Sie auf die sichere Seite bringen können.“ PD Markus O. Klein (Düsseldorf): „Im ästhetisch relevanten Bereich ist ein vestibulärer Knochenpuffer von 2 - 3 mm zur Erzielung eines langfristig sicheren Ergebnisses erforderlich! Gegebenenfalls bietet sich auch die Verwendung eines durchmesserreduzierten Implantates an.“ Dr. Andreas Hentschel (Zwickau): „Zum Ersatz oberer, seitlicher Schneidezähne und zum Ersatz sämtlicher Unterkieferinzisiven mit deren sehr geringen mesio-distalen Dimensionen stellen 2,9 mm-Durchmesser-Implantate eine echte Alternative dar!“ ZTM Christian Müller, ZTM Urs Volz und Dr. Johannes Röckl: „Digitale Techniken sind in der Zahnmedizin und Zahntechnik längst Alltag – es ist lediglich die Frage an welcher Stelle man einsteigt! Diese Entscheidungsfindung kann nur individuell erfolgen!“

Young ITI Vorträge

  • Zwei Vertreter vom Young-ITI: Dr. Kai Fischer (links) und Prof. Dr. Dr. Peer Kämmerer.

  • Zwei Vertreter vom Young-ITI: Dr. Kai Fischer (links) und Prof. Dr. Dr. Peer Kämmerer.
    © Bornfleth
Mit dem Young-ITI ist der Organisation eine Verjüngung geglückt. Bereit zehn Young-ITI-Symposien haben stattgefunden, auf denen frisch, unkonventionell und mitunter auch kontrovers diskutiert wurde. Auch aktuelle Forschungsergebnisse junger Nachwuchswissenschaftler werden dort präsentiert. Aus dieser Gruppierung heraus berichtete Dr. Kai Fischer (Würzburg) über Weichgewebsmanagement und Prof. Dr. Dr. Peer Kämmerer (Mainz) über allogenen Knochenersatz. Beide Referenten legten den Schwerpunkt auf allogene Materialien. Fischer stellte die dermale Matrix als Alternative zum Bindegewebstransplantat und Kämmerer den allogenen Knochen als echte Alternative zu Knochenersatzmaterialien und als hochwertige Alternative zum autologen Knochen umfassend dar und würdigten diese Biomaterialien.

Weichgewebe

Zum Auftakt der Session „Weichgewebe“ präsentierte der Posterpreisträger Prof. Dr. Peer Kämmerer seine Forschungsergebnisse. Sein Thema „Vestibulumplastik mit einer 3D-Kollagenmatrix“. Im Anschluss berichtete Dr. Jochen Tunkel (Bad Oeynhausen) über indikationsbezogene Techniken in der Weichgewebschirurgie. Weichgewebe gilt heute als entscheidender Faktor für den Erfolg. Prof. Dr. Adrian Kasaj (Mainz) nahm Weichgewebsersatzmaterialien in der plastisch-ästhetischen Parodontalchirurgie unter die Lupe.

Prothetik

„Versorgungskonzepte im zahnlosen Ober- und Unterkiefer lautete das anspruchsvolle Thema von Dr. Barbara Michel und Dr. Christian Naujoks. Auf welch hohem Niveau sich die heutige Implantologie befindet und welche unglaublichen Optionen verfügbar sind, diese Fragen klärte Prof. Dr. Irena Sailer (Genf) in ihrem fulminanten Vortrag „Welches Material in welcher Situation?“.

Zum Abschluss das Streitgespräch

Den Abschluss findet der ITI-Kongress bereits traditionell im Streitgespräch. Dieses Format wurde bereits vor Jahren von der Deutschen ITI-Sektion entwickelt! Das Thema 2018: Disputatio zum Thema „Keramikimplantate“.

Noch vor wenigen Jahren hätte das Wort „Keramikimplantate“ bereits zu einem echten kollegialen Streit führen können. Heute geht es den „Kontrahenten“ vielmehr um die Darstellung der individuellen Vor- und Nachteile der jeweiligen Versorgungsphilosophie.

Unter der souveränen Moderation von Prof. Andreas Schlegel trafen Dr. Michael Gahlert als uneingeschränkter Befürworter von Zirkonoxidimplantaten und Prof. Dr. Knut Grötz aufeinander. Der rührigen Arbeitsgruppe Gahlert-Röhling sind wesentliche Arbeiten zu verdanken, die die Einführung dieses Materials in die Implantologie auf evidenzbasierter Basis ermöglicht haben. Die Position des „advocatus diaboli“ nahm der Wiesbadener Kieferchirurg Prof. Grötz ein. Grötz wies darauf hin, dass bei aller Begeisterung für dieses neue Material und seiner Optionen auf vielen Gebieten noch Grundlagenforschungen erforderlich sind und auch die Erarbeitung von Leitlinien geboten seien.

Programm für Zahntechniker

Eine Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Zahntechnikern und Zahnärzten ist seit vielen Jahren ein wichtiges Anliegen des ITI. So wurde die Zusammenarbeit mit den Zahntechnikern intensiviert, was beim diesjährigen Kongress erneut zu einem Parallelprogramm für Zahntechniker und zu gemeinsamen Podien für Zahnärzte und Zahntechniker geführt hat. Fazit Lebhafte und engagierte Diskussionen und volle Vortragssäle zeigten, wie sehr alle Referenten mit ihren Ausführungen die Ansprüche des Auditoriums erfüllt haben. Den hohen Stellenwert, den die deutsche Sektion im globalen Netzwerk ITI genießt, betonte ITI-Präsident Dr. Stephen Chen während der Pressekonferenz: Die ITI Sektion Deutschland ist eine der am besten aufgestellten und mit ihrer Arbeit und ihren neu entwickelten Formaten tonangebend in unserer globalen Fachgesellschaft!“ Besondere Erwähnung fanden hier das Deutsche ITI-Curriculum, welches nun als Blaupause für das internationale dienen wird, sowie das von der Deutschen Sektion konzipierte Online-Symposium „ITI Kontrovers“.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Carmen Bornfleth


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