Implantologie allgemein

– Fallbeispiel aus der Praxis –

Sofortimplantate – ja, aber…


Das Konzept der Sofortimplantation bietet durch die Kombinierbarkeit mit minimal-invasiven Operationsverfahren und dem dadurch minimierten Gewebetrauma viele Vorteile für Behandler und Patient. Anhand eines Patientenfalles wird im Folgenden die traditionelle Implantation der Sofortimplantation gegenübergestellt.

Die klassische Vorgehensweise der Implantologie, bei der ein Implantat erst nach dem vollständigen Einheilen belastet wird, bietet unumstritten eine relativ hohe Sicherheit gegen Komplikationen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit finden sich entzündungsfreie Umgebungsverhältnisse sowie bekannte oder zumindest berechenbare Knochenstrukturen. Für viele konservativ arbeitende Implantologen stellt dieses Vorgehen deshalb nach wie vor die Methode der Wahl dar. Dem stehen bekannte Nachteile gegenüber: Zum einen die Behandlungsdauer, die bis zur prothetischen Versorgung mehrere Sitzungen umfasst und der Verlust - vor allem an krestalem Knochen - durch Bone Remodelling während dieser Zeit. Für den Patienten ist die lange postchirurgische Übergangsphase mit Provisorium oftmals belastend.

Technischer Fortschritt bei Implantaten

Die Weiterentwicklung der Implantatoberflächen mit dem Ziel besserer und rascherer Osseointegration eröffnet seit einigen Jahren Möglichkeiten zur Verkürzung der Behandlungsdauer. Deutlich verkürzte Einheilzeiten ermöglichen frühere funktionale Belastung und das adaptive Knochenremodelling wird positiv beeinflusst.

Die Optimierung der Oberflächentopographie hat in letzter Zeit deutliche Fortschritte gemacht. Auf Basis der sandgestrahlten und thermisch säuregeätzten Oberflächen haben sich in den letzten Jahren erfolgreich Implantate etabliert, die durch chemische Modifikation der Oberfläche zu einer deutlichen Verbesserung der Benetzbarkeit führen. Auf derartigen superhydrophilen Oberflächen werden Proteine homogen adsorbiert, was mehr Blutplättchen aktiviert und im Frühstadium der Osseointegration ein wesentlich besser ausgeprägtes Fibrinnetzwerk nach sich zieht [1]. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass damit schon während der frühen Einheilphase ein erhöhter Knochen-Implantat-Kontakt (über 30 % nach 2 Wochen [2]) und eine bessere Implantatstabilität erzielt werden. Klinisch haben diese Implantate das Vertrauen der Anwender durch eine erhöhte Sicherheit in den ersten Wochen der Einheilung gewonnen.

Sofortimplantation - ein minimalinvasives Operationsverfahren

Das Konzept der Sofortimplantation eröffnet durch die Kombinierbarkeit mit minimal-invasiven Operationsverfahren (flapless-surgery unter Umständen ergänzt durch computerassistierte Implantatplanung und -insertion) und einem dadurch minimierten Gewebetrauma (weniger postoperative Beschwerden wie Wundschmerz, Schwellungen) viele Vorteile für Behandler und Patient:

  • Maximaler Knochenerhalt, da bis zum Setzen des Implantats keine Resorption stattinden kann.
  • Option, den Implantat umgebenden Knochen frühzeitig zu stimulieren und auf physiologische Weise funktionell zu ummanteln.
  • Reduktion der Anzahl Eingriffe und des operativen Traumas.
  • Verkürzung der gesamten Behandlungsdauer um 3 bis 4 Monate.

Da bei der Sofortimplantation oftmals die Ästhetik und Funktion zu einem grossen Teil bereits in der gleichen Sitzung wiederhergestellt wird, birgt dies für den Patienten den Vorteil, dass die Veränderungen quasi unbemerkt vom sozialen Umfeld stattfinden können. Dies ist für den Patienten oftmals ein besonders überzeugendes Argument und resultiert in einer höheren Akzeptanz für diesen Eingriff. Zumindest theoretisch steht diesen Vorteilen ein erhöhtes Risiko des Implantatverlustes infolge einer Entzündung gegenüber. Auch kann es später zu unvorhersagbarer krestaler Knochenresorption und gingivaler Rezessionsbildung kommen. Nach Schropp et al. kann der horizontale Volumenverlust innerhalb der ersten 12 Monate bis zu 7 mm betragen [3]. Ursächlich dafür ist der Bündelknochen im koronalen Anteil der bukkalen Knochenwand [4], der nach der Extraktion seine Funktion verliert und resorbiert wird. Dies führt in der Folge zum Kollaps der umliegenden Weichgewebe [5]. Diese Punkte müssen bei der Planung des Eingriffs mit dem Patienten diskutiert und von ihm verstanden werden.

Nach unser eigenen Erfahrung bei der Anwendung eines flapless-Verfahrens werden bezüglich biologischer Breite und Resorptionsrate der Extraktionsalveole sogar noch bessere Ergebnisse erzielt als beim konservativen Verfahren. Dies ist möglichweise auf die ungestörte vaskuläre Perfusion zurückzuführen, weil Knochen und Periost nicht getrennt werden und eine daraufhin einsetzende Entzündungsreaktion vermieden werden kann [3, 6]. Auch bezüglich der Überlebensrate der Implantate sind die Resultate überzeugend; wir haben bei 346 Implantaten dreier Hersteller an 115 Patienten in einem mittleren Beobachtungszeitraum von 3 Jahren und 8 Monaten Implantat-Überlebensraten von über 99 % festgestellt [7].

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass sich mit Sofortimplantation überzeugende Ergebnisse erzielen lassen. In einer weiteren prospektiven klinischen Studie mit 115 Implantaten (zweiteilige Titanimplantate sowie einteilige Zirkondioxid-Implantate) wurde nach 6 Monaten bei den Titan-Implantaten eine Osseointegration von 96 % registriert und von 73 % bei ZrO2; bezüglich periimplantärem Weichgewebe waren beide Materialien vergleichbar.

Fallbeispiel

Der 35-jährige Patient war Nichtraucher und wies eine vertikale Wurzelfraktur an Zahn 34 auf (Abb. 1). Nach Lokalanästhesie erfolgte eine atraumatische Extraktion unter maximaler Schonung der bukkalen Lamelle (Abb. 2 und 3). Anschliessend wurde das Implantatbett mit Stufenbohrern mit aufsteigenden Durchmessern bis ca. 3 mm apikal der ursprünglichen Alveole aufbereitet. Durch diese Überpräparation über den Alveolenfundus hinaus wird eine zusätzliche Primärstabilität erreicht. Nach Überprüfung von Bohrachse und Bohrtiefe konnte das Implantat (ELEMENT, Thommen Medical) inseriert werden (Abb. 4). Das Drehmoment kann mit Hilfe der Drehmomentratsche kontrolliert und das erreichte Drehmoment direkt abgelesen werden. Dies ist sinnvoll für eine lückenlose Dokumentation (Abb. 5). Die gewonnenen Knochenspäne wurden bukkal eingebracht. Sie gleichen die Inkongruenz zwischen Alveole und Implantat aus und bilden ausserdem ein Grundgerüst für die für die Wundheilung und Knochenwachstum wichtigen Zellbestandteile des Blutes. Die superhydrophile Oberfläche des Implantats unterstützt zusätzlich die Anlagerung dieser Zellen im Frühstadium der Osseointegration. Das Einbringen des Knochenmaterials im Kontakt zur bukkalen Lamelle hilft den postoperativen Volumenverlust durch die Umbauvorgänge um die Alveole zu reduzieren (Abb. 6). Die Bohrung erfolgte mit niedriger Drehzahl ohne Kühlung, so dass die Bohrspäne gesammelt werden konnten (Abb. 7). 7 Tage nach Nahtentfernung lagen reizfreie Wundverhältnisse vor (Abb. 8).

  • Abb. 1: Ausgangssituation mit tief frakturiertem Zahn 34.
  • Abb. 2: Vorsichtig extrahierte Fragmente des Zahnes 34.
  • Abb. 1: Ausgangssituation mit tief frakturiertem Zahn 34.
  • Abb. 2: Vorsichtig extrahierte Fragmente des Zahnes 34.

  • Abb. 3: Extraktionsalveole des Zahnes 34.
  • Abb. 4: Einbringen des Thommen INICELL Implantates nach Aufbereitung des Implantatstollens.
  • Abb. 3: Extraktionsalveole des Zahnes 34.
  • Abb. 4: Einbringen des Thommen INICELL Implantates nach Aufbereitung des Implantatstollens.

  • Abb. 5: Manuelles Eindrehen des Implantates mit MONO Drehmomentratsche (Thommen Medical).
  • Abb. 6: Bukkale Anlagerung des gewonnenen autologen Knochenmaterials zur Beseitigung der Inkongruenz zwischen Alveole und Implantat.
  • Abb. 5: Manuelles Eindrehen des Implantates mit MONO Drehmomentratsche (Thommen Medical).
  • Abb. 6: Bukkale Anlagerung des gewonnenen autologen Knochenmaterials zur Beseitigung der Inkongruenz zwischen Alveole und Implantat.

  • Abb. 7: Gewinnung und Zwischenlagerung in steriler Kochsalzlösung von autologem Knochen zur Augmentation.
  • Abb. 8: Situation nach Nahtentfernung 7 Tage post OP.
  • Abb. 7: Gewinnung und Zwischenlagerung in steriler Kochsalzlösung von autologem Knochen zur Augmentation.
  • Abb. 8: Situation nach Nahtentfernung 7 Tage post OP.

Fazit

Für die Versorgung von Einzelzähnen bietet die Methode der Sofortimplantation, kombiniert mit einer aufklappungsfreien chirurgischen Technik, mit oberflächenoptimierten Dentalimplantaten einen deutlich besseren Nutzen für den Patienten ohne erhöhtes Komplikationsrisiko. Wichtig ist die Beherrschung der korrekten Technik durch den Implantologen.

weiterlesen

VERWENDETE MATERIALIEN

Implantatsystem
SPI®ELEMENT, INICELL Oberfläche
(Thommen Medical, CH-Waldenburg)

Drehmomentratsche
MONO Drehmomentratsche
(Thommen Medical, CH-Waldenburg)

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Kai Höckl , Prof. Dr. Dr. Peter Stoll , Dr. Verena Stoll


Das könnte Sie auch interessieren:

Wenn Sie noch mehr über die Zusammenhänge von Parodontitis und Periimplantitis wissen wollen, oder wie Sie Zahn- bzw. Implantatverlust langfristig vermeiden können, dann sind Sie bei den zahlreichen bundesweiten Fortbildungsveranstaltungen von Hain Lifescience genau richtig!

Mehr Infos hier