Hygiene

Effiziente Gesprächsführungstipps während der Therapie

Die Adhärenz in der Parodontitis-Therapie

Der weitere Bedarf an Dentalhygienikerinnen (DH) für die Vorbereitung und Nachsorge im Rahmen der PARO-Behandlung steigt! Begleitende, wertschätzende Therapiegespräche durch Praxisteams sind das A&O für die langfristige Patientenbindung. Die zeitliche Majorität der parodontalen Vorbehandlung und Reevaluation leistet die Dentalhygienikerin, da die therapeutischen Prophylaxe- und Oralhygiene-Programme, sowie das Biofilmmanagement mit anschließender unterstützender Parodontitis Therapie (UPT) in ihren Aufgabenbereich fällt.

Aufgrund der demographischen Entwicklung und der Verlagerung von chronischen Munderkrankungen in ein höheres Lebensalter ist ein steigender Behandlungsbedarf zu prognostizieren. Trotz abnehmender Prävalenzen (laut DMS V Studie aus 2016) ist mit der Zunahme des parodontalen Behandlungsbedarfs zu rechnen. Man geht davon aus, dass im Jahr 2030 der Großteil der Bevölkerung Senioren sein werden.

Kurzübersicht der Parodontitis-Prognose laut DMS V

Erfreulicherweise hat die Auswertung der neuesten DMS V gezeigt, dass sich bei den jüngeren Erwachsenen (35-44 Jährigen) die schwere Parodontitis seit 2005 halbiert (DMS IV: 17,4 Prozent; DMS V: 8,2 Prozent).

Ebenso ist die Anzahl der an Parodontitis erkrankten Zähne leicht rückläufig. Allerdings sind immer noch 52 Prozent (also jeder 2. jüngere Erwachsene) davon betroffen, wobei 43,4 Prozent eine moderate Parodontitis und jeder Zehnte bereits eine schwere Parodontitis aufweist.

Zum Glück haben Senioren heutzutage durch regelmäßig wahrgenommene Prophylaxe viel länger ihre eigenen Zähne. In der Altersgruppe der 65 bis 74-Jährigen ist somit erfreulicherweise ein deutlich rückläufiger Trend beim Auftreten der schweren Parodontitis zu erkennen( DMS IV: 44,1 Prozent; DMS V: nur 19,8 Prozent). Bei jüngeren Senioren wurde zwar auch ein Rückgang der moderaten und schweren Parodontalerkrankungen erkannt, jedoch hat immer noch jeder Zweite in dieser Altersgruppe eine moderate (44,8 Prozent) und jeder Fünfte eine schwere Parodontitis. Bei den älteren Senioren in der Altersgruppe (75 bis 100) verstärkt sich dieser Trend. Aufgrund von vermehrten systemischen Erkrankungen und persönlichen Handicaps weisen neun von zehn Menschen eine moderate bis schwere Parodontitis auf (Quelle: Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie DMS V; die am 16.08.2016 erstmals veröffentlicht wurde).

Übertragung in die Praxis

  • Erklärung der Parodontitis-Entstehung.

  • Erklärung der Parodontitis-Entstehung.
    © Godizart
Langfristig positive Behandlungserfolge bei moderaten und schweren Verläufen der PARO-Patienten sind nur dann erreichbar, wenn es dem ganzen Praxisteam gelingt, diese in ein dauerhaftes Therapiekonzept einzubinden. Das setzt voraus, dass ein regelmäßig geschultes und gut ausgebildetes Praxisteam „Hand in Hand“ arbeitet.

Das bedeutet im Praxisalltag die Behandlungsverläufe über Jahrzehnte individuell zu betreuen und sie wachsam und konsequent im Auge zu behalten. Das beginnt schon mit dem telefonischen Erstkontakt und Patientenempfang. Des Weiteren setzt es im täglichen Praxisablauf ausführliche Anamnesegespräche mit Medikamentenindikation, die Erstellung von Risikoprofilen, Aufklärungsgespräche, die praktische Unterstützung in der Oralhygiene, die Durchführung von therapeutischen Prophylaxe- und Mundhygieneprogrammen sowie ein mehrstufiges Biofilmmanagement zur Vorbereitung der PARO-Therapie mit anschließender Reevaluation in einer unterstützenden Parodontitis Therapie (UPT-Recall in der Nachsorge) voraus.

Gewinnen Sie mündige Patienten und aktive Partner

Bei der Adhärenz geht es in erster Linie darum, dass die Praxisteams mit den Patienten gemeinsam daran arbeiten, wie das Therapiekonzept und die Therapieempfehlung der häuslichen Oralhygiene in den Patientenalltag eingebaut werden können. Dazu sind mündige, aufgeklärte Patienten als aktive Partner notwendig, die der zahnärztlichen Empfehlung überzeugt zustimmen. Die Gespräche verlaufen stets auf Augenhöhe, ohne Hierarchien. In der Zahnarztpraxis ist es daher hilfreich, diese zwei Szenarien „Nicht-intentionale Non-Adhärenz“ und „Intentionale Non-Adhärenz“ zu charakterisieren:

Nicht-intentionale Non-Adhärenz

Der Patient beabsichtigt, die Empfehlungen seines Zahnarztes bzw. des Teams umzusetzen, stößt dabei jedoch auf Schwierigkeiten oder ist einfach überfordert! Die unten aufgeführten Fragen sind als respektvolle Unterstützung zu verstehen, die es ermöglichen, mehr Verständnis für die Sichtweisen des Patienten zu bekommen. Mit Ehrlichkeit, Wertschätzung und Offenheit gilt es, die Ursache für die alten „Überzeugung und Glaubenssätze“ herauszufinden, diese gezielt gemeinsam anzuschauen und im günstigsten Fall aufzulösen.

Tipps für offene und interessierte Fragen:

  1. Welcher Art sind die Schwierigkeiten oder Überzeugungen? (finanziell, intellektuell, soziokulturell, psychologisch, elterngeprägt)
  2. Gibt es emotionalen Blockaden, wenn ja, welche?
  3. Hat der Patient ein Wissens-, Informations- oder Umsetzungs- Defizit?
  4. Welchen konkreten Nutzen erwartet der Patient von seiner Verhaltensänderung?
  5. Wie schätzt der Patient seine eigene Kernkompetenz in der Umsetzung ein?
  6. Welche Modellpersonen könnten Sie beschreiben, die es nach anfänglichen Schwierigkeiten bereits geschafft haben und nun begeistert sind?
  7. Welches realistische Ziel hat sich der Patient selber gesetzt?
  8. Gibt es eine Problemlösung, wenn die tägliche Mitarbeit einschläft?
  9. Welche Ressourcen sind schon da und könnten dabei gezielt genutzt werden?
  10. Welche konkrete Unterstützung benötigt der Patient gerade?
  11. Welche Hilfsmittel sind notwendig (diese direkt anpassen und mitgeben!)

Intentionale Non-Adhärenz

Der Patient hat gar nicht vor, die zahnärztlich notwendige Therapie oder häusliche Empfehlungen umzusetzen! Sollte sich ein Patient gegen eine Behandlung oder eine Verhaltensänderung entscheiden, muss diese selbstverständlich respektiert werden. Die Entscheidung trifft ein mündiger Patient stets selber. Die Erfahrung hat gezeigt, dass durch respektvolles Hinterfragen und Prüfen der ablehnenden Faktoren und alten Überzeugungen plötzlich eine Neubewertung möglich wird. Das wäre ein Gewinn für den Patienten, denn im Vordergrund steht seine Zahn- und Mundgesundheit.

Hilfreiche Gedanken

  1. Wie schätzt der Patient sein persönliches Risiko ein, wenn er nicht aktiv mitarbeitet oder regelmäßig UPT-Termine einhält?
  2. Welchen unbekannten bzw. versteckten Gewinn hat der Patient, wenn er krank bleibt? (will Mitleid, muss nicht arbeiten, hat Schonfrist, will alleine bleiben)
  3. Welchen Bezug hat der Patient zum Zeit-Kosten-Nutzen- Verhältnis bezüglich der Therapie und seiner aktiven Mitarbeit?
  4. Wie vertrauensvoll und offen ist die Beziehung zwischen Zahnarzt/Praxisteam und Patient?
  5. Welche blockierenden Faktoren könnten aufgelöst werden?
  6. Was benötigt der Patient, um authentisch und überzeugt „JA“ zu sagen?
  7. Die oben genannten Fragestellungen 1-11 können auch hier angesetzt werden

Positive Gesprächsführung

Erst wenn ein Patient verstanden hat, wo sein Risiko liegt, ist er auch offen für die notwendige Zeit und das Geld, welches er „lebenslang“ in sich investieren „darf“. Erklären Sie mit verständlichen Worten die kausalen Zusammenhänge und Risiken einer unbehandelten Parodontitis. Chronisch und genetisch bedingte Risikofaktoren, Medikamentenwechselwirkungen, hormonelle Umstände, ungesunde Lebensumstände wie Rauchen und Drogen oder Stress können zu überschießenden Immunreaktionen an Zahnfleisch und Zahnhalteapparat führen. Der Körper bildet auf die unvermeidbar bakterielle Infektion Botenstoffe, die zum Abbau des zahnfixierenden Fasernetzwerkes und des knöchernen Zahnfaches führen.

Der Patient versteht dadurch vielleicht erstmals, wie es um seine Zahn- und Mundgesundheit gestellt ist und was er zukünftig als Teamplayer, unterstützt durch die DH/ZMF/ZMP, in Eigenverantwortung tun kann.  

weiterlesen
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Brigitte Godizart