Patient

Einführung der Diabetes-Sprechstunde in der Zahnarztpraxis

Risikopatient Diabetiker

28.10.2021

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Typ-2-Diabetes ist eine weit verbreitete Volkskrankheit, aktuell leiden 12 % der Bevölkerung daran – die Dunkelziffer ist deutlich höher. Eine Parodontitis kann generell für jeden Menschen zum Problem werden. Wenn aber die Blutzuckerwerte schlecht eingestellt sind, schreitet eine Entzündung schneller voran. Die optimale Einstellung des Blutzuckerwertes wird hingegen durch eine PA erschwert – ein Teufelskreis, der sich nur schwer durchbrechen lässt. Aber es gibt positive Aussichten!

Parodontitis kann generell für jeden Menschen zum Problem werden. Diabetiker, sowohl Typ-1 als auch mit Typ-2 der Erkrankung, haben (verglichen mit Nicht-Diabetikern) ein dreifach höheres Risiko überhaupt eine Parodontitis zu entwickeln. Und die Entzündung schreitet bei schlecht eingestellten Zuckerwerten auch schneller fort bzw. ist schwerer zu behandeln.

Die optimale Einstellung des Blutzuckers wiederum wird durch eine Parodontitis erschwert. Ein Teufelskreis, der sich am besten durch frühe Vorbeugung und zügiges Handeln im Krankheitsfall durchbrechen lässt.

Allgemeine Fakten

Die beiden häufigsten Typen sind der juvenile Diabetes Typ-1, eine Autoimmunerkrankung, die die insulinproduzierenden Betazellen der Pankreas zerstört, und der weit häufigere Diabetes Typ-2, umgangssprachlich auch als Altersdiabetes bezeichnet. Bei letzterem kommt es zu einer peripheren Insulinresistenz der Zellen in Kombination mit einem Ausbrennen der Pankreasinselzellen und einer damit stark verminderten Produktion und Freisetzung von Insulin.

Die Folgen sind ein Anstieg von Glukose im peripheren Blut mit Hyperglycolisierung der Blutproteine, was zu Störungen der Kollagenbildung der Blutgefäße und zu irregulären Vernetzungen im Bindegewebe führt. Dies hat Retinopathie, periphere Verschlusskrankheit der Extremitäten, allgemeine schwere Gefäßschäden, diabetische Nephropathie und Mangeldurchblutung der Gingiva zur Folge. Die Zytokine binden sich an Insulinrezeptoren und hemmen damit die Glukose-Aufnahme.

Ergebnis ist eine Hyperglykämie, die sich ihrerseits ungünstig auf die Prognose einer Parodontitis auswirkt. So wird die Wundheilung durch veränderte Proteine (AGEs = Advanced Glycation End Products) gehemmt und entzündliche Gewebezerstörung über spezielle Zellrezeptoren im Parodont gefördert.

Rund 45 % der Diabetiker leiden unter symptomatischer Mundtrockenheit. Gleichzeitig steigt beim Diabetiker parallel zum Blutzuckerspiegel auch die Zuckerkonzentration im Speichel an. Die klassischen Karieskeime S. mutans und Lactobazillus, aber auch andere assoziierte säurefeste Bakterien wie Bifidobakterien und bestimmte Aktinomyzeten werden in Wachstum und Vermehrung gefördert.

Vor allem Lactobazillen und säuretolerante Streptokokken sind bei Diabetikern im Vergleich zur gesunden Bevölkerung in weit höheren Keimzahlen nachweisbar. Durch den Speichelmangel ist zudem die Pufferkapazität der Saliva stark herabgesetzt.

  • Übersichtskonzept.
  • Übersichtskonzept.
    © Alkozei

Die drei großen Puffersysteme, der Bicarbonat-, der Phosphat- und der Proteinpuffer können den pH-Wert nicht mehr im neutralen Bereich stabilisieren. Der besonders bei Typ-2-Diabetikern bestehende Kalziummangel im Speichel erschwert dann eine Remineralisation und das Kariesrisiko ist dadurch deutlich erhöht!

Candida wird oft unterschätzt

Diabetiker neigen allgemein zu Candidiasis. Während beim Nicht-Diabetiker vor allem die Art Candida albicans dominiert, treten bei Diabetikern gehäuft seltene Arten C. glabrata, C. tropicalis, C. dubliniensis und C. krusei auf. Ähnlich wie die Kariesbakterien wird auch das Wachstum der Candida-Spezies durch den hohen Kohlenhydratgehalt im Nährstoffangebot gefördert.

Diabetiker sind schon aufgrund ihrer Gefährdung für parodontale Entzündungen Risikopatienten in der Zahnarztpraxis. Die zusätzliche vermehrte Neigung zu Karies erfordert intensive Betreuung und Anleitung zu optimierter Mundhygiene. Und eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Internisten.

Langzeitblutzuckerwerte – HbA1c senken

Für Diabetiker mit einer unbehandelten Parodontitis kann eine zahnärztliche Therapie, die die Entzündung im Mund eindämmt, sogar ein Erfolgsfaktor in der Behandlung der Zuckerkrankheit werden, denn mit einer Parodontitisbehandlung lässt sich der HbA1c Wert (Langzeitzuckerwert) positiv beeinflussen. Der Langzeitzuckerwert ist das Blutzuckerlangzeitgedächtnis der letzten drei Monate. Sein Normbereich liegt zwischen 6 und 7.

Um den HbA1c-Wert nur um 0,5 zu senken, müsste ein Diabetiker über drei Monate täglich 8 km joggen. Da entpuppt sich die Parodontitis-Behandlung für viele Diabetiker mit Sicherheit als die einfachere Methode, den HbA1c-Wert zu senken. Bei der Erstdiagnose eines Diabetes mellitus sollten die Patienten vom behandelnden Arzt auch über den Zusammenhang von schlecht eingestelltem Diabetes und Parodontitis und die Bedeutung der täglichen häuslichen Mundhygiene aufgeklärt werden.

Ebenso wichtig ist es, neu diagnostizierte Diabetiker zum Zahnarzt zu schicken, um einen parodontalen Befund erheben zu lassen. Findet sich eine Parodontitis, sollte diese bei Diabetikern unbedingt behandelt und regelmäßig kontrolliert werden. Ist das Zahnfleisch unauffällig, reichen jährliche Kontrollen beim Zahnarzt.

  • Interdisziplinäre Auswirkungen.
  • Interdisziplinäre Auswirkungen.
    © Alkozei

Diagnostiziert der Zahnarzt eine Parodontitis, sollte er umgekehrt auch an den Zuckerstoffwechsel denken. Hat der Patient bereits einen bekannten Diabetes und ein HbA1c > 7 %, wird empfohlen, ihn mit dem Ziel einer Verbesserung der Einstellung an einen Diabetologen zu überweisen. Auch wenn kein Diabetes bekannt ist, jedoch zusätzliche Risikofaktoren vorhanden sind, sollte eine Überprüfung der Blutzuckerwerte veranlasst werden.

„Süßes Blut“ erfordert eine intensive Prophylaxe

Relevante Punkte für uns in der Praxis:

  1. Die Praxis, das gesamte Team, muss über die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus informiert sein!
  2. Die Einführung der Diabetes-Sprechstunde in der Zahnarzt-Praxis.
  3. Den Anamnesebogen ganz genau unter die Lupe nehmen, die Medikamentenliste muss immer aktualisiert sein! Medikamente können Nebenwirkungen und Wechselwirkungen haben, die bei jeder Behandlung (auch Prophylaxe-Behandlung) beachtet werden müssen.
  4. Den aktuellen HbA1c-Wert („Blutzucker-Gedächtnis-Wert“) erfragen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu dem behandelten Hausarzt bzw. Diabetologen aufrechterhalten.
  5. Der Patient sollte regelmäßig zu den Recall- und Kontroll-Terminen erscheinen. Die Allgemeingesundheit hängt eng mit der Mundgesundheit zusammen. Insbesondere beeinflussen sich Diabetes mellitus und Parodontitis gegenseitig negativ. Ohne eine gesunde Mundflora wird der Patient sein Diabetes nicht unter Kontrolle haben.
  6. Die Ernährungsberatung durch das Fachpersonal. Diabetes-Diät-Vorgaben sollten insbesondere mit dem Prophylaxe-Team besprochen werden. Hier finden sich teilweise gegensätzliche Empfehlungen. z.B. sind einige Zucker-Ersatzstoffe auch kariogen. Durch kariogene Lebensmittel, die zur Prävention der Unterzuckerung oftmals zwischendurch nötig werden, haben Patienten ein erhöhtes Kariesrisiko.
  7. Die Parodontitis vermindert die Insulin-Wirkung und sollte wie gewohnt nach den S3-Leitlinien behandelt werden. Die kurzen Recall-Intervalle in der UPT und die gute Compliance zu Hause sind ausschlaggebend für den Erfolg.
  8. Bei der Terminvergabe sollten der gewohnte Ess- und Medikamenten-Zeitplan der Patienten berücksichtigt werden.
  9. Eine Hypoglykämie (Unterzuckerung) sollte vermieden werden, hierbei kann Traubenzucker von großer Bedeutung sein.
  10. Die Angaben der Telefonnummern der Partner, Verwandten oder Bekannten, die im Notfall zu befragen und informieren sind, sollte regelmäßig aktualisiert werden.
  11. Motivation zum gesunden Lebensstil (Ernährung, Sport, Stress, Rauchen).

Die Kommunikation findet mit dem Patienten statt!

Gemeinsam mit dem Zahnarzt, dem Praxisteam und den behandelnden Internisten werden wir die Mundgesundheit und den Diabetes mellitus optimal in den Griff bekommen!

Fazit: Je gesünder die Zähne, desto besser der Blutzuckerspiegel.


Meine persönliche Empfehlung

Heben Sie sich von der Masse ab! Führen Sie die „Diabetes Sprechstunde“ in Ihrer Zahnarztpraxis ein!

Die Thematik ist aus verschiedenen Blickwinkeln für viele Praxen interessant:

  • Nämlich für jede Praxis, die sich intensiv mit Prophylaxe, PAR-Behandlung und Implantaten beschäftigt.
  • Für jede Praxis, die unternehmerisch arbeitet und sich aus der Masse hervorheben möchte. Eine solche Sprechstunde ist ein Service- und Präventionsangebot für Patienten. Ein solches Angebot bindet Patienten. Ein solches Angebot bringt neue Prophylaxe-Patienten in die Praxis.
  • Für jede Praxis, die ein kontinuierliches Anamnesemanagement eingeführt hat.
  • Für jede Praxis, deren QM-System das Ziel „Patientenversorgung verbessern“ (§ 4 Abs. 2.4 Patienteninformation und -aufklärung sowie Förderung Patientenmitwirkung und -selbsthilfe) enthält. Weiter findet das Thema einen „Unterschlupf“ bei den zahnärztlichen Pflichten (Orientierung am Stand der Wissenschaft (SBG V + QM Anforderung & 4 Abs. 2.2).
  • Für jede Praxis, die sich mit dem Thema Marketing beschäftigt. Es ist ein Kreislauf und ein Wechselspiel zwischen Präventions- und Gesundheitsangebot, Service, Beratung, Dienstleistung, Erfüllung zahnärztlicher Pflichten, Erfüllung gesetzlicher Vorschriften, Verkauf, etc.
  • Für eine Praxis, die in einer Region die erste Zahnarztpraxis sein möchte, die sich auf Diabetiker spezialisiert hat und damit „Fach- oder Ansprechpraxis“ für die Patienten ist.

Werden Sie zur Spezialisten-Praxis für Diabetiker, gerne unterstütze ich Sie dabei!

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Sona Alkozei


Aufruf zur Online-Umfrage für ZÄ, ZMP und DH – Studie zu Gingivawucherungen
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Prof. Dr. Christian Graetz et al., Universitätsklinikum Kiel, freuen sich über die Teilnahme an einer anonymisierten Umfrage. Zeitdauer ca. 10 Minuten. Die Studie untersucht, ob aus zahnmedizinischer Sicht eine adäquate Versorgung des o.g. Krankheitsbildes „gingivale Wucherungen“ vorliegt.