Gesellschaften/Verbände

47. Internationaler Jahreskongress der DGZI in Berlin

Spielt die Biologie noch eine Rolle?

13.11.2017

Logo Deutsche Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie (DGZI).
Logo Deutsche Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie (DGZI).


Einem durchaus provokant formulierten Thema widmete die Deutsche Gesellschaft für Zahnärztliche Implantologie ihren 47. Jahreskongress. Bewusst hatten die wissenschaftlichen Leiter der zweitägigen Veranstaltung ein Thema gewählt, welches zu Beginn der oralen Implantologie − neben den Fragen um die Insertion der künstlichen Zahnpfeiler − immer im Fokus der wissenschaftlichen Forschung gestanden hatte.

  • Die „Kongressmacher“ Prof. Dr. Herbert Deppe (links) und Prof. Dr. Roland Hille.

  • Die „Kongressmacher“ Prof. Dr. Herbert Deppe (links) und Prof. Dr. Roland Hille.
Prof. Dr. Herbert Deppe und Prof. Dr. Roland Hille, die für den 47. Internationalen Jahreskongress verantwortlich zeichneten, ist es gelungen, dieses nach wie vor praxisrelevante, mitunter auch brisante Thema in seinem Facettenreichtum darzustellen und auch eindeutige Aussagen für die Umsetzung in der Praxis zu geben. 60 Referenten aus 8 Ländern und drei Kontinenten unterstrichen, wie umfangreich das internationale Netzwerk der DGZI geworden ist. Beide wiesen in ihren Grußworten darauf hin, dass der konventionelle Workflow in Frage zu stellen ist. Die Frage sei, inwiefern dieser überhaupt noch zeitgemäß ist und ob der digitale Workflow nicht längst das Zepter übernommen hat. Ein weiterer, sehr bedeutender Gesichtspunkt war die Multimorbidität unserer Patienten, oftmals verbunden mit umfangreichen und komplexen Medikamentenverordnungen. Dies verlangt vom Zahnarzt, dass er sich immer mehr mit den oftmals komplizierten Krankheitsbildern seiner Patienten auseinandersetzt und somit eine Einschätzung des individuellen Risikopotentials bei geplanten Eingriffen abschätzen kann.

Der Kongressauftakt

  • Sorgten für einen fulminanten Kongressauftakt: Prof. Dr. Stefan Wolfart und PD Dr. Christian Mehl.

  • Sorgten für einen fulminanten Kongressauftakt: Prof. Dr. Stefan Wolfart und PD Dr. Christian Mehl.
Das was Prof. Dr. Stefan Wolfart und PD Dr. Christian Mehl mit ihren jeweiligen Darstellungen des (immer noch zukunftsfähigen?) konventionellen Workflows im Kontrast zum (schon als Standard etablierten?) digitalen Workflow präsentierten, glich eher einem Feuerwerk als einem Fachvortrag. Beeindruckende Bilder, hervorragend dokumentierte Fallbeispiele und letztendlich die Erkenntnis, dass es der Kollegenschaft gut ansteht, in „beiden Welten“ daheim zu sein. Je nach Verfügbarkeit von Gerätschaften und Materialien und dem individuellen Ausbildungsstand erscheint es sinnvoll zwischen den beiden Welten hin und her zu wechseln.

Bei der Gerüstherstellung sieht Wolfart ausschließlich Vorteile im digitalen Vorgehen. Die Verblendung hingegen solle konventionell erfolgen. Sein Fazit: „Wenn auch der digitale Workflow in unglaublicher Schnelligkeit und Vehemenz sich zu etablieren vermag, so haben analoge Verfahren nach wie vor ihre Berechtigung.“

Als „digital maniac“ erwies sich der in München niedergelassene PD Dr. Christian Mehl, der seine Praxis von der Anmeldung bis hin zum Recall komplett digitalisiert hat. Er formt auch komplexe Situationen ausschließlich digital ab. In zahlreichen Fallbeispielen erläuterte Mehl sein volldigitales Konzept.

DGZI Pastpräsident PD Dr. Friedhelm Heinemann widmete sein Referat dem Thema „Festsitzende vollkeramische Restaurationen – spannungsfrei und effizient!“

Mit seinem Eingangsstatement „Vieles geht – man muss es nur richtig machen“ hatte er das Auditorium gleich auf seiner Seite.

Aus Brasilien angereist war Dr. Victor Clavijo. Er hatte die ästhetisch relevante Zone in der Oberkieferfront im Fokus – und die Unterschiede bei prothetischen Versorgungen in dieser Region mit Implantaten und unter Verwendung von Zähnen. Seine erste Take Home-Message: „Halten Sie Oberkieferfrontzähne solange es irgendwie möglich ist!“ Sind Implantate nicht vermeidbar, dann sollten immer durchmesserreduzierte mit vorheriger Augmentation von Hart- und Weichgewebe erfolgen: „Ändern Sie eine ungünstige Ausgangssituation immer zuerst zu einer günstigen und reden Sie danach erst über Implantate!“ Der hierbei betriebene und in zahlreichen Fallbeispielen erläuterte Aufwand indes ist immens.

Biologie und Medikamente

In dieser Session referierte erneut der DGZI-Präsident zur Fragestellung, ob dentale Implantate bei Patienten mit Systemerkrankungen Sinn machen und welche Limitationen zu beachten sind. Widersprüchliche Leitlinien und Empfehlungen erschweren die Entscheidung für oder gegen Implantate bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen. Hingegen Diabetes mellitus scheint keinen limitierenden Einfluss zu haben. HIV-Erkrankungen und andere Immunerkrankungen scheinen ebenfalls keine erheblichen Kontraindikationen für die Insertion oraler Implantate darzustellen. Wichtig ist eine gute Kontrolle. Das gleiche Resümee kann bei alten Patienten mit gutem Allgemeinzustand gezogen werden.

In idealer Ergänzung konnte Prof. Dr. Thomas Weischer die Bedeutung der Biologie auf die Implantatbehandlung bei Patienten mit Vorerkrankungen hinweisen. Bei Patienten mit antiresorptiver Therapie limitiert das individuelle Risikopotential gerade bei längerer und bei intravenöser Gabe eine Entscheidung für die Insertion oraler Implantate. Langfristige und hohe Cortisongaben können ebenfalls zu einem erhöhten Risiko für Implantate führen. Dies gilt auch für Patienten, die an einem Tumor im Kopf-Hals-Bereich litten, was oftmals auch mit einer postoperativen Bestrahlung einhergeht. Dies birgt die Gefahr des Ausbildens einer Osteoradionekrose. Werden dann doch Implantate inseriert führt das zu einem Training der Kaumuskeln und zu einer physiologischen Belastung des Knochens. Inserierte Implantate haben – aufgrund der fehlenden Gefahr einer „Strahlenkaries“ – sogar eine bessere Prognose als verbliebene Zähne. Hier stehen eine gründliche Anamnese und eine ausgewogene Indikationsstellung und eine perioperative Antibiose im Vordergrund. Dennoch stellen Implantate auch bei diesen Patienten eine sichere Therapiealternative dar.

Eine Chemotherapie führt sehr oft zu einer oralen Mukositis und einer erhöhten Blutungsneigung.

Nach Beendigung kann nach einigen Monaten Wartezeit der Patient wieder wie vor der Chemotherapie behandelt werden.

Dr. Dr. Frank Halling sprach über relevante Nebenund Wechselwirkungen der 50 meist verordneten Medikamente in Deutschland. Die Hälfte der Erkrankungen, die in Deutschland zu einer Medikation führen, ist auch für die Zahnmedizin relevant! Der über 65-jährige Patient nimmt im Durchschnitt vier verschiedene Wirkstoffe ein. Somit stellt die Polypharmazie neben der Polymorbidität eine erhebliche Herausforderung für den Zahnmediziner dar.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind oftmals bei Antibiotika (hier vor allem das Clindamycin), bei Lokalanästhetika und bei Analgetika zu verzeichnen. Diese sind vor allem Geschmacksstörungen, die Mundtrockenheit und die anaphylaktische Reaktion. Die Konsultation des Hausarztes und/oder des Internisten wird somit bei geplanten komplexen Eingriffen in unserem Fachbereich zur Pflicht!

Unterschiedliche Wege – DGZI kontrovers!

  • Der DGZI-Fortbildungsreferent Dr. Georg Bach (links) zusammen mit Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner.

  • Der DGZI-Fortbildungsreferent Dr. Georg Bach (links) zusammen mit Prof. Dr. Dr. Wilfried Wagner.
Der zweite Kongresstag des 47. Internationalen Jahreskongresses der DGZI war dem kontroversen Austausch und der Diskussion gewidmet.

Eine ganze Reihe namhafter Referenten präsentierten ihre Ergebnisse, die in die bereits in den Vorjahren sehr erfolgreiche Podiumsdiskussion „DGZI-Kontrovers“ mündeten.

Es ist den Kongressverantwortlichen der DGZI gelungen mit den Professoren Sader und Wagner zwei höchst renommierte Vertreter der deutschen MKG-Chirurgie zu gewinnen, die seit Jahren hervorragende wissenschaftliche Arbeit leisten und zu den echten Aktivposten ihres Faches gehören.

„Sind shorties die Allzweckwaffe in der Implantologie?“ − dies das Thema des diesjährigen Streitgesprächs. Beide kieferchirurgischen Urgesteine waren sich einig, dass sie sich selbst ein solches kurzes Implantat inserieren lassen würden – wenn die entsprechenden Bedingungen hierfür zutreffen würden. In dem vom Fortbildungsreferenten der DGZI moderierten Streitgespräch, welches vielmehr ein akzentuierter Austausch zweier implantologischer Vollprofis auf höchstem Niveau war, kristallisierte sich rasch heraus, dass die Grabenkämpfe früherer Tag längst vorbei sind. Entscheidend sind heute neben einer klaren Analyse der individuellen Patientenbedingungen, eine gute präimplantologische Diagnostik und ein sicheres Beherrschen der jeweils angewandten Insertionstechnik bis hin zum implantologischen Troubleshooting.

Dr. Michael Gahlert wertet Keramikimplantate nicht als Modeerscheinung, sondern sieht diese als echte Alternative zu Titanimplantaten, vor allem – um dem Kongressthema gerecht zu werden – auch unter biologischen Aspekten. Die Expertenmeinung Gahlerts hören zu dürfen war ein Genuss, hat sich doch kaum jemand derart intensiv mit diesem Material beschäftigt, wie der in München tätige Oralchirurg.

Rolle der biologischen Aspekte heute

Prof. Dr. Siegfried Heckmann stellte eine Studie zur Sofortimplantation und Sofortversorgung in der ästhetisch relevanten Zone vor und traf eine klare Aussage: „Treffen Sie eine Entscheidung – entweder zugunsten einer konsequenten Sofortimplantation und Sofortversorgung, oder aber zugunsten einer verzögerten Implantation und Versorgung. Mischformen bringen nur Nachteile!“

Bei vestibulären Augmentationen ist auf eine leichte Überkonturierung zu achten und hiervon losgelöst sollten Risikofaktoren wie Biotyp und Lachlinie stets beachtet werden.

Sind die momentan verfügbaren Implantate unter biologischen Gesichtspunkten sinnvoll? Dieser anspruchsvollen Fragestellung widmete Prof. Dr. Constantin von See seine Ausführungen. Nach Jahren der Stagnation ist in den vergangenen Jahren eine „neue Vielfalt“ auf dem Gebiet der Implantatdesigns und der Implantatformen zu verzeichnen, so der in Krems tätige Hochschullehrer. Er postulierte: „Durch die Eigenbewegung des Implantates nimmt die punktuelle Belastung ab, bei weit extraaxialen Kräften führt das resultierende Drehmoment indes zu sehr hohen Kräften. Dem Implantat-Kronen-Verhältnis kommt hier enorme Bedeutung zu.“ Ein mechanischer Vergleich zwischen Primär- und Sekundärstabilität ist nach seinen Erkenntnissen weder sinnvoll, noch zulässig. Von diesen Erkenntnissen ausgehend stellte der Referent die Frage, ob wir es nicht auch wagen können sehr kurze Implantate sofort zu belasten. Gerade angesichts der neuen Optionen der 3D-Drucktechnologie, die auch den Einsatz wesentlich flexiblerer Materialien ermöglicht, wird diese Frage noch wichtiger.

DGZI-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Dr. Kai-Olaf Henkel schloss in idealer Weise an den Vortrag seines Vorredners an, er sprach über „Kraftfluss am Implantat, ausschlaggebend für den Implantaterfolg“. Henkel stellt gleich zu Beginn seines Übersichtsvortrages klar: „Die Beachtung biologischer Prinzipien und des Kraftflusses gehören in der Implantologie dazu!“ Wichtig sei es indes, der Oberfläche und der Zug- und Druckkräfte höchste Priorität einzuräumen.

PD Dr. Daniel Thoma aus Zürich referierte über Biomaterialien als Alternative zu autologen Weichgewebsimplantaten. Credo des Referenten – Biomaterialien haben ihre Berechtigung und haben sich als Alternative zu konventionellen Verfahren unter Verwendung autologen Materials etabliert. Nicht nur dass beide Verfahren (Biomaterial versus autolog) gleich gut funktionieren, in einigen Indikationen haben die Biomaterialien sogar die Nase vorn. Neben der Vermeidung einer Entnahmemorbidität sind vor allem die erzielten Ergebnisse zu erwähnen, die z. B. bei Weichgewebsanwendungen besser ausfallen.

„Update Periimplantitistherapie nach Veränderung der Leitlinien“ – ein anspruchsvolles und relevantes Thema, dem sich Prof. Dr. Thorsten Auschill widmete. Zunächst standen Definitionen im Vordergrund, bevor Ausschill zur Therapie der Periimplantitis überging. Eine UPT in Kombination mit guter verbesserter Mundhygiene sind die wesentlichen Schritte bei der periimplantären Mukositis. Bei der Periimplantitis indes kommen hinzu: Erkennen systemischer und lokaler Reizfaktoren, Pulverstrahl- und Laseranwendungen, AB-Verordnungen und die Photodynamische Therapie, ferner bei tieferen Taschen (über 6 mm) chirurgische Anwendungen. Unbeherrschbare Situationen bedingen die Explantation des künstlichen Zahnpfeilers.

Fazit

Zwei prall mit Informationen gefüllte Kongresstage forderten die Kongressverantwortlichen und das Auditorium gleichermaßen – ebenfalls zufrieden zeigten sich alle Anwesenden beim Verlassen des Kongresssaales. 

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