Interviews

Indikationsbezogene Entscheidung für Titan oder Keramik

Keramikimplantate vervollständigen das Portfolio

Straumann, Marktführer im Bereich der Titanimplantate und nun auch Anbieter des breitesten Angebots an Keramikimplantaten, und Z-Systems, seit der Gründung auf Keramikimplantate spezialisiert, gaben kürzlich ihre strategische Partnerschaft bekannt. Im Interview haben wir von Frank Hemm, Mitglied der Geschäftsleitung Straumann, und Rubino Di Girolamo, Geschäftsführer Z-Systems, mehr über die Beweggründe und die verschiedenen Keramikimplantat-Linien erfahren.

DI: Herr Hemm, wie reagieren Ihre Kunden darauf, dass Straumann sowohl Titan als auch Keramik im Portfolio hat?

  • Rubino Di Girolamo (links) und Frank Hemm beantworten auf der IDS die Fragen der Redakteurin Carmen Bornfleth.

  • Rubino Di Girolamo (links) und Frank Hemm beantworten auf der IDS die Fragen der Redakteurin Carmen Bornfleth.
    © Straumann
Hemm: Interessanterweise kam dieser Wunsch direkt aus dem Markt. Auf einem Expert Team Meeting im Jahr 2004 zum Straumann Portfolio der Zukunft wurde explizit hervorgehoben, dass sich die Kunden eine sichere keramische Alternative wünschen. Damals stand der Markt noch stark unter den Eindrücken schlechter klinischer Ergebnisse der allerersten Generationen an Keramikimplantaten. Straumann hat diese Herausforderung angenommen und für die Entwicklung und Produktion noch stringentere Sicherheitskriterien angelegt als bei Titanimplantaten. Ergebnis ist das PURE Keramikimplantatsystem, das in vielen klinischen und wissenschaftlichen Studien bewiesen hat, dass es genau so sicher ist wie Titanimplantate.

DI: Herr Di Girolamo, Z-Systems hat sich von Anfang an auf Keramikimplantate spezialisiert. Wie haben sich die Nachfrage und der Implantatmarkt in den letzten Jahren insgesamt verändert?

Di Girolamo: Wir starteten 2004 mit dem ersten CE zertifizierten Implantat. Zu Beginn konnten wir eine kontinuierliche, langsam steigende Nachfrage feststellen, die sich in den letzten Jahren beschleunigt hat. Der Markt für Zirkonoxidimplantate hat sich in den letzten 10 Jahren wesentlich dadurch verändert, dass mehrere Hersteller mit zum Teil unterschiedlichen Herstellverfahren und Implantattypen, wie z.B. verschraubte oder verklebte und zweiteilige Implantate, auf den Markt gekommen sind. Z-Systems hat heute die 5. Generation im Markt und steht in Entwicklung mit der 6. Generation.

DI: Herr Hemm, Straumann PURE hat eine ZLA®-Oberfläche. Wodurch zeichnet sich diese aus?

Hemm: Die ZLA®-Oberfläche zeichnet sich durch eine Makro- und Mikrorauigkeit aus, die mit der SLA®-Oberfläche vergleichbar ist. Auch die Osseointegrationseigenschaften und Einheilzeiten der ZLA®-Oberfläche sind wissenschaftlich nachgewiesen – ebenso wie bei SLA®. Einige Daten, z.B. von Dr. Röhling, weisen zudem auf eine geringere Plaqueadhäsion hin – ein wichtiger Faktor für den langfristigen Implantaterfolg.

DI: Und was sind weitere Besonderheiten von PURE?

Hemm: Das Design unserer Keramikimplantate ist darauf ausgelegt, grössten klinischen Belastungen standzuhalten. Deshalb wird jedes einzelne Straumann® PURE Ceramic Implantat vor dem Verlassen der Produktionsstätte einem rigorosen Belastungstest unterzogen. Dieser 100 %-Belastungstest ist von Anfang an fest in den Produktionsablauf integriert und ein Garant für Qualitätssicherung und maximale Sicherheit. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist unsere Lifetime+ Guarantee für alle PURE Implantate. Im Fall eines Implantatbruchs erfolgt Ersatz durch ein gleichwertiges Implantat, falls erforderlich ein gleichwertiges Sekundärteil sowie die Erstattung der Behandlungskosten. PURE ist übrigens nicht rein-weiss, sondern der natürlichen Farbe der Zahnwurzel nachempfunden.

DI: Ist PURE in den digitalen und chirurgischen Workflow von Straumann integriert?

  • Das Straumann® PURE Portfolio.

  • Das Straumann® PURE Portfolio.
    © Straumann
Hemm: Ja, PURE kann zum Beispiel mit dem Bohrset und Protokoll wie ein Titan Bone Level Implantat gesetzt werden. Der Kunde muss keine neue Chirurgiekassette kaufen, was von unseren Kunden sehr geschätzt wird. Beim zweiteiligen PURE wurde zudem Wert auf die digitale Integration und die geführte Chirurgie gelegt.

DI: Herr Di Girolamo, was ist das Besondere an den Keramikimplantaten von Z-Systems?

Di Girolamo: Z-Systems fokussiert sich in der Entwicklung auf höchstmögliche Festigkeit und Langlebigkeit bei Einhaltung der ISO 13356 Norm für Keramikmaterial als Basis ihrer ZrO2 Implantate. Dazu gehörte auch der Wechsel von Dampfsterilisation der Implantate auf Plasmasterilisation. Weiterhin wurden nach Austestung verschiedenster Oberflächenbehandlungen der Fokus auf eine lasermodifizierte Oberfläche gelegt. Dieses patentierte Verfahren wird nach einem Sandstrahlprozess auf die Gewindekanten appliziert und stellt sicher, dass die Implantate nicht geschwächt werden und eine hervorragende Osseointegration erreichen. Letzteres wurde anhand einer Studie, publiziert im IJOMI 2012, an der Loma-Linda Universität in Los Angeles bestätigt.

DI: Wie sieht es insgesamt mit der wissenschaftlichen Datenlage Ihrer Keramikimplantate aus?

Hemm: Die Studien sind selbstverständlich die Basis und das Rückgrat. Bevor PURE 2014 auf den Markt kam, wurden seit 2011 im kontrollierten Rahmen klinische Daten gesammelt. Seit Einführung wurden mehrere unabhängige klinische, präklinische und Material- sowie Oberflächenstudien durchgeführt und publiziert. Aktuell laufen über 30 klinische Aktivitäten. Für das PURE Monotype Implantat zeigte kürzlich eine randomisierte Multicenter-Studie stabile Knochenverhältnisse und 5-Jahres-Überlebens- und Erfolgsraten von > 97 %.

Di Girolamo: Von Z-Systems gibt es etliche kleinere Studien, welche Teilbereiche beleuchten, und die Erfahrungen von über 60.000 verkauften Implantaten bestätigen. Die jüngste Studie – eine dynamische Kausimulation mit Temperaturwechsel über einen simulierten Zeitraum von 40 Jahren – wurde von der Universität Freiburg/Prof. Kohal veröffentlicht. Unsere Resultate waren sehr gut, alle zweiteiligen, verschraubten Implantate überlebten den Test. Die längste uns bekannte Studie mit Z-Implantaten stammt von Prof. Gahlert mit mittlerweile 10-Jahres Resultaten.

DI: Herr Hemm, was ist das Besondere an dem ersten metall- und kunststofffrei verschraubten zweiteiligen Keramikimplantat-System von Z-Systems, das zukünftig von Straumann unter dem Name SNOW exklusiv vertrieben wird?

  • Das neue Straumann® SNOW.

  • Das neue Straumann® SNOW.
    © Straumann
Hemm: Es vervollständig unser Portfolio dadurch, dass SNOW ein Bone Level Taper Design hat. Es ist vollkommen metall- aber auch kunststofffrei. Somit ist es das erste zweiteilige 100 % keramische Bone Level Implantat mit einer prothetischen Flexibilität, die an ein Titanimplantat heranreicht.

DI: Herr Di Girolamo, was hat Z-Systems dazu motiviert, den Vertrieb für das Implantat abzugeben?

Di Girolamo: Z-Systems ist eine auf Keramikinnovationen fokussierte Firma. Unser sehr kleiner Vertrieb kann diese Neuigkeiten gar nicht adäquat vertreiben – unsere Kernkompetenz ist Entwicklung und Produktion, nicht der Vertrieb. Dies ist eine große Stärke unseres Partners Straumann. Wir können uns jetzt auf die Entwicklung neuer Implantatlinien und eines neuen Verfahrens zur Produktion von Keramikrohlingen focussieren. Erste Ergebnisse sind sehr vielversprechend und deuten darauf hin, dass wir bei gleicher Zusammensetzung der Keramikmischung (gemäss ISO 13356) die Festigkeit weiter erhöhen können. Das würde uns dann erlauben, sichere Modellreihen mit kleinerem Durchmesser zu entwickeln.

DI: Wo sehen Sie die Zukunft der Keramikimplantologie: ein- oder zweiteilige Lösungen?

Di Girolamo: Wir sind der Meinung, dass beide Varianten ihre Berechtigung haben, wobei die zweiteiligen Implantate, sofern sie dem heutigen Arbeitsablauf in der Implantologie entsprechen, in einigen Jahren den Löwenanteil ausmachen werden, wahrscheinlich 60% - 80%.

Hemm: Ich glaube es geht nicht um die Frage ein- oder zweiteilig, sondern vielmehr um Flexibilität im Allgemeinen. Keramikimplantate sind für einen großen Markt attraktiv, wenn sie sicher und bezüglich der prothetischen Flexibilität und dem allgemeinen Handling vergleichbar mit dem Goldstandard Titan sind. Die Integration in digitale Abläufe, einfaches Implantieren und die Möglichkeit zur Sofortversorgung sind sicher weitere Aspekte. Längerfristig dann auch ein Preisniveau vergleichbar mit der metallischen Implantologie.

DI: Was denken Sie, welchen Anteil Keramikimplantate in zehn Jahren einnehmen werden?

  • Infografik zu den 5-Jahresdaten von Straumann® PURE.

  • Infografik zu den 5-Jahresdaten von Straumann® PURE.
    © Straumann
Di Girolamo: Wir sehen eine steigende Nachfrage in entwickelten Märkten. Der Trend zu immer umweltbewussterem Leben führt auch im Dentalbereich zu einer langsam zunehmenden Bevorzugung von Keramiklösungen – kein Metall im Mund. Dies war der Trend mit Amalgam, dann mit Kronen und wird sich auch bei Implantaten fortsetzen. Gleichzeitig stellt man auch über längere Frist eine hervorragende rote Ästhetik fest, welche aus ästhetischer Sicht entscheidend ist. Auf Anwenderseite stellen wir den Druck zur Abgrenzung gegenüber Konkurrenten fest und eines der Mittel ist das Angebot an Keramikimplantaten, die aus gesundheitlicher Sicht überzeugen. Da die Herstellung selbst im Spritzgussverfahren in naher Zeit kaum die Herstellkosten der Titanimplantate erreichen wird, werden bis auf weitere Zeit keine wirklich günstigen, soliden Keramikimplantate auf den Markt kommen. Markttechnisch werden deshalb Keramikimplantate in erster Linie im mittleren bis oberen Preissegment positioniert sein. Auch die Einstiegshürden für Hersteller sind wesentlich höher als bei Titanimplantaten. Aufgrund der vorgängig beschriebenen Vorteile aus Patientensicht, der beschleunigten Nachfrage, der besseren Anwendungsmöglichkeiten im Bereich zweiteilige, geschraubte Implantate können wir uns einen Marktanteil in zehn Jahren von bis zu 20% vorstellen.

  • Das einteilige und zweiteilige Produktportfolio von Z-Systems.

  • Das einteilige und zweiteilige Produktportfolio von Z-Systems.
    © Straumann
Hemm: Wir bei Straumann sind sogar noch etwas optimistischer und können uns auch 30 % vorstellen, allerdings basierend auf der Annahme, dass Preise gesenkt werden können, die Flexibilität der Behandlungsprotokolle vergleichbar mit Titan sind und keine Anbieter mit minderwertigen Keramikimplantaten auf den Markt kommen, die den allgemeinen guten Ruf für alle anderen Anbieter beeinträchtigen. Initiale Studienergebnisse bestätigen, dass es weniger Plaqueanlagerungen und längerfristig gesündere periimplantäre Zustände um Keramikimplantate gibt. Wenn sich das bestätigt, sind vielleicht sogar mehr als 30 % Anteil möglich.

DI: Herzlichen Dank für diese interessanten Einblicke.

  • Spannende Gespräche brachten interessante Erkenntnisse.

  • Spannende Gespräche brachten interessante Erkenntnisse.
    © Straumann

weiterlesen
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Carmen Bornfleth


++++++Jetzt anmelden++++++ Curriculum "Dental Regeneration Specialist"

7 hochwertige Module und international anerkannte Experten: Im November 2019 startet die 2. Generation des Fortbildungskurses (UKE) rund um Knochen- und Geweberegeneration!