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Interview mit Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf zum Einsatz von Probiotika in der Zahnmedizin

Probiotika – wirksame Ergänzung bewährter Therapie- und Präventionskonzepte im Kampf gegen Parodontitis?

04.02.2021

Prof. Dr. med. dent. Ulrich Schlagenhauf, Leiter der Abteilung für Parodontologie in der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie, liefert im Interview ein umfassendes Update zur Anwendung von Probiotika in der Therapie von Parodontitis und Gingivitis. Wie lässt sich die Entstehung bakterieller Dysbiosen hemmen? Für welche Patienten sind Probiotika eine Therapieergänzung? Wir haben nachgefragt.

DI: Angenommen ein Patient entwickelt eine Gingivitis oder Parodontitis. Ist dann immer falsches Zähneputzen schuld?

  • Prof. Dr. med. dent. Ulrich Schlagenhauf, Leiter der Abteilung für Parodontologie in der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie; ehem. Präsident der DG PARO.

  • Prof. Dr. med. dent. Ulrich Schlagenhauf, Leiter der Abteilung für Parodontologie in der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie; ehem. Präsident der DG PARO.
    © privat
Prof. Schlagenhauf: Eine korrekt ausgeführte häusliche Zahnpflege spielt natürlich eine wichtige Rolle, um lebenslang im Mund gesund zu bleiben – sie ist aber kein „Allheilmittel“.

DI: Warum putzen wir uns dann täglich die Zähne?

Prof. Schlagenhauf: Primär, weil Zähne eine gewisse Fehlkonstruktion der Anatomie darstellen. Als einzige Struktur unseres Körpers verletzen sie physiologischerweise die so genannte epitheliale Integrität, da sie im Alveolarknochen verankert sind und durch die oralen Schleimhäute hindurch in die von vielen Bakterien besiedelte Mundhöhle ragen. Während die Menge der auf den Schleimhautoberflächen aufwachsenden Bakterien durch die permanent stattfindende Abschilferung automatisch niedrig gehalten wird, kommt es auf den in die Mundhöhle hineinragenden Zahnoberflächen aufgrund der fehlenden Desquamation zu einer deutlich stärker ausgeprägten, dauerhaften bakteriellen Besiedlung.

Die Durchtrittsstelle der Zähne durch das orale Epithel ist zudem eine Schwachstelle für das unerwünschte Eindringen von Bakterien in das Körperinnere, welche aktiv vom Immunsystem verteidigt werden muss. Ist dessen Funktion durch Risikofaktoren wie falsche Ernährung, Stress, Rauchen oder auch durch angeborene Defekte beeinträchtigt, können durch die aufgewachsenen bakteriellen Zahnbeläge chronifizierte Entzündungen am Parodontium entstehen, welche langfristig zum Abbau des Zahnhalteapparates bis hin zum Zahnverlust führen.

DI: In diesem Zusammenhang wird immer öfters das Dysbiose-Modell genannt. Was hat es damit auf sich?

Prof. Schlagenhauf: Fortschritte in den mikrobiologischen Analysetechniken haben in den letzten Jahren zweifelsfrei bestätigt, dass nicht die Menge an belassenen Zahnbelägen, sondern deren Zusammensetzung den Unterschied zwischen gesund und krank ausmachen. Nur eine kleine Gruppe so genannter parodontitisassoziierter Bakterien, wie Porphyromonas gingivalis, Tannerella forsythia oder Treponema denticola ist in der Lage, Entzündungen am Zahnhalteapparat auszulösen, die zu Gingivitis und Parodontitis führen.

Während man diese jedoch noch bis vor kurzem als externe Infektionskeime ansah, die nicht zum Keimspektrum eines gesunden Menschen gehören, belegen neuere Untersuchungen zweifelsfrei, dass alle parodontitisassoziierten Bakterien – als so genannten Pathobionten – einen natürlichen Bestandteil der oralen Mikrobiota auch der allermeisten mundgesunden Menschen bilden und bereits im Säuglings- und Kleinkindalter via Schmierinfektion meist von der Mutter auf die Kinder übertragen werden. Nur das Auftreten äußerer ungünstiger Umstände führt zu ihrem krankheitsauslösenden relativen Überwachsen innerhalb der bakteriellen Zahnbeläge, welches in der Fachsprache als „bakterielle Dysbiose“ bezeichnet wird.

DI: Was bedeutet das nun für die Zahnreinigung?

Prof. Schlagenhauf: Eine mechanische Reinigung der Zähne von dysbiotischen, entzündungsstimulierenden bakteriellen Belägen ist im strengen Sinne keine ursachengerichtete Therapie, da die zuvor dargestellten Ursachen für die Entstehung der Dysbiose nicht erfasst werden. Zähneputzen entspricht in etwa einer Strategie, das durch Überdüngung stimulierte Überwachsen unerwünschter Unkräuter im häuslichen Rasen durch häufiges Mähen zu kontrollieren. Dies wird im Prinzip durchaus funktionieren, aber eben nur so lange häufig gemäht wird. Die Beendigung der Überdüngung des Gartens hingegen würde ursächlich das vermehrte Wachstum der Unkräuter im Rasen unterbinden, selbst in der völligen Abwesenheit des Rasenmähens.

Ein spezielles Problem mit der mechanischen Kontrolle des Wachstums bakterieller Biofilme besteht zudem darin, dass sich Bakterien sehr rasch nach dem Prinzip der geometrischen Reihe vermehren. Verbleiben nach gründlichem Zähneputzen auch nur 2 % Restbeläge, so ist bei einer üblichen Verdopplungszeit der Bakterien von 20 Minuten bis 6 Stunden nach nur sechs Teilungsschritten, d. h. nach maximal 36 Stunden, die Zahl der Bakterien wieder auf dem Ausgangsniveau bzw. schon darüber.

DI: Wie lässt sich die Entstehung bakterieller Dysbiosen wirksam hemmen?

Prof. Schlagenhauf: Aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht wäre es sicherlich am sinnvollsten, das Auftreten bakterieller Dysbiosen im Mund durch einen gesundheitskompatiblen Ernährungs- und Lebensstil zu verhindern. Dies ist jedoch im Einzelfall aufgrund der speziellen Lebenssituation und des sozialen Umfelds eines Patienten nur selten vollständig umsetzbar. Daher kann es sehr sinnvoll sein, gesundheitsförderliche Bakterien, die unter einer gesundheitskompatiblen Ernährung von selbst im Körper wachsen würden, von extern über die Ernährung zuzuführen. Derartige Mikroorganismen, die nach Genuss die Passage durch den sehr sauren Magen lebend überstehen, werden auch als Probiotika bezeichnet. Zu ihnen zählen probiotische Stämme diverser Laktobazillen- und Streptokokkenarten, Bifidobakterien sowie die Bierhefe Saccharomyces cervisiae var. boulardi.

DI: Ist die adjuvante Anwendung von Probiotika in der Therapie der Gingivitis und Parodontitis schon ein praxisreifes Vorgehen?

Prof. Schlagenhauf: Aktuell sind eine ganze Reihe von Probiotikapräparaten zur Anwendung im Mund auf dem Markt erhältlich, die eine ganze Reihe verschiedener probiotisch wirksamer Bakterienstämme enthalten. Da sie per Definition keine Arzneimittel, sondern Nahrungsergänzungsmittel darstellen, unterliegt ihre Zulassung dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft und nicht dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dies bedeutet, dass behördlicherseits nur die Ungefährlichkeit ihres Konsums als Nahrungsmittel überprüft wurde, nicht jedoch die erwartete gesundheitsförderliche Wirkung.

DI: Wie sieht die Studienlage aus?

Prof. Schlagenhauf: Zur klinischen Wirksamkeit der meisten kommerziell erhältlichen existieren nur sehr eingeschränkte Daten aus klinisch kontrollierten Studien. Eine Ausnahme hiervon bilden 2 probiotisch wirksame Lactobacillus reuteri-Stämme (L. reuteri DSM 17938; L. reuteri ATCC PTA5289), zu denen positive Daten aus einer ganzen Reihe kontrollierter klinischer Studien vorliegen und deren entzündungshemmende Wirksamkeit auch von meiner eigenen Arbeitsgruppe in einer ganzen Reihe klinischer Studien überprüft wurde. Ihre adjuvante Anwendung in Form von L. reuteri-haltigen Lutschtabletten (GUM PerioBalance®) zeigte in diversen Untersuchungen eine signifikante Verstärkung der Wundheilung und der Reduktion der Sondierungstiefen nach Scaling und Root Planing.

In unseren eigenen Untersuchungen war zudem besonders auffällig, dass der Konsum der L. reuteri-haltigen Lutschtabletten auch bei Patienten mit sehr schlechter bis fehlender häuslicher Zahnpflege, bei starken Rauchern und in Fällen starker periimplantärer Mukositis eine ausgeprägte Reduktion der gingivalen Entzündungsstärke bewirkte und so ihre Anwendung insbesondere bei Patienten, die einer Optimierung der mechanischen Plaquekontrolle aus den verschiedensten Gründen nicht zugänglich sind, besonders vorteilhaft erscheint.

Da sowohl in Studien wie auch in der täglichen Anwendung schwerwiegendere Nebenwirkungen nicht beobachtet wurden, ist auch ein dauerhafter Konsum der L.reuteri-Keime möglich und dabei mit weniger unerwünschten Nebenwirkungen behaftet als etwa die weit verbreitete dauerhafte Anwendung antiseptisch wirkender Mundspüllösungen. Die Grenzen der Anwendung der Probiotika beschränken sich auf akut stark immunsupprimierte Patienten, bei welchen vor einer möglichen Gabe stets der behandelnde Arzt konsultiert werden sollte.

DI: Welchen Patienten sollte man Probiotika empfehlen?

Prof. Schlagenhauf: Es kommt immer darauf an, für den individuellen Patienten anhand seines Risikoprofils die beste Therapieempfehlung zu finden. Im Allgemeinen kann man aber folgende klinische Empfehlungen geben: Probiotika sollten generell nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung der mechanischen Plaquekontrolle eingesetzt werden. Insbesondere Patienten mit nicht korrigierbaren Mundhygienedefiziten oder mit einer hohen und nicht korrigierbaren inflammatorischen Last profitieren von Probiotika.

Probiotika sind auch dann sinnvoll, wenn temporär ein korrektes Zähneputzen nicht möglich ist. Wichtig zu bedenken ist, dass mit der optimalen Wirkung von probiotischen Lutschtabletten nach etwa 14 Tagen zu rechnen ist. Wenn ich den Patienten nach zwei bis drei Wochen reevaluiere, erhalte ich eine gute Einschätzung, was das Probiotikum bei diesem individuellen Patienten zu leisten vermag.

DI: Herr Professor Schlagenhauf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Kernaussagen aktueller Probiotika-Studien?

  1. Das Ernährungsverhalten hat einen zentralen Einfluss auf das Risiko der Entstehung bakterieller Dysbiose.
  2. Eine gezielte Ernährungslenkung ist eine wirksame Ergänzung herkömmlicher, auf Plaquekontrolle basierender parodontaler Therapie- und Präventionskonzepte.
  3. Probiotika stellen eine wirksame Alternative oder Ergänzung zur Ernährungslenkung und der Anwendung antiseptisch wirkender Mundspüllösungen dar.
  4. Der Konsum probiotischer Bakterien wirkt entzündungsauflösend und zeigt keine Abhängigkeit von der Qualität der häuslichen Zahnpflege. So profitieren Menschen, die nicht dauerhaft zu einer guten häuslichen Zahnpflege angeleitet werden können, wie auch Raucher als Beispiel für eine Parodontitis-Risikogruppe in besonderem Maße vom adjuvanten Konsum klinisch getesteter Probiotika.

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