Interviews

Effizient mit Emdogain

Regenerative Parodontaltherapie


Wer sich mit moderner regenerativer Parodontaltherapie auseinandersetzt, kommt an Schmelzmatrixproteinen (EMD, enamel matrix derivate) und damit an Emdogain® nicht vorbei. Im Gespräch mit Zahnärztin und Fachjournalistin Dr. med. dent. Aneta Pecanov-Schröder erläutert der renommierte Parodontologe Prof. Dr. med. dent. Axel Spahr, Ärztlicher Direktor des Departments of Periodontology des Sydney Dental Hospital (SDH) und Head of Discipline Periodontology der University of Sydney, Australien, wann der Einsatz von Emdogain in der Praxis erfolgversprechend ist.

Herr Professor Spahr, schnellere Fibroblastenanhaftung in der ersten Phase der Wundheilung, antibakterielle Wirkung, angiogener Effekt – welche Eigenschaften des Präparates halten Sie für den größten Nutzen?

  • Prof. Dr. Axel Spahr ist seit 2010 Ärztlicher Direktor des Departments of Periodontology des Sydney Dental Hospital (SDH) und Head of Discipline Periodontology der University of Sydney, Australien. Zu seinen Hauptarbeitsgebieten gehören die Themenbereiche „Regeneration oraler Weich-und Hartgewebe“, „Mikrobiologische Aspekte in der Parodontologie“ sowie „Systemische Auswirkung einer Parodontitis“.

  • Prof. Dr. Axel Spahr ist seit 2010 Ärztlicher Direktor des Departments of Periodontology des Sydney Dental Hospital (SDH) und Head of Discipline Periodontology der University of Sydney, Australien. Zu seinen Hauptarbeitsgebieten gehören die Themenbereiche „Regeneration oraler Weich-und Hartgewebe“, „Mikrobiologische Aspekte in der Parodontologie“ sowie „Systemische Auswirkung einer Parodontitis“.
Spahr: Für einen parodontologisch ausgerichteten Kollegen bzw. Praktiker ist sicherlich die wissenschaftlich belegte klinische Wirksamkeit von Emdogain von entscheidender Bedeutung. Heutzutage steht uns glücklicherweise eine Vielzahl von wissenschaftlich fundierten Studien zur Verfügung, die sowohl die Effizienz von Emdogain belegen als auch interessante Hinweise auf die Wirkungsweise von Schmelzmatrixproteinen im Rahmen der parodontalen Regeneration liefern. Im Vergleich mit der Anwendung von Membranen sind sicherlich das einfachere Handling sowie die nachgewiesenermaßen geringere postoperative Gingivaretraktion und geringere postoperative Komplikationsrate Argumente, die für den Einsatz von Emdogain sprechen.

Bei welchen Indikationen setzen Sie Emdogain bevorzugt ein?

Spahr: Emdogain kommt bei uns vor allem zur parodontalen Regeneration mehrwandiger intraossärer Defekte zum Einsatz. Bei der Regeneration von Furkationsdefekten sind wir im Allgemeinen etwas zurückhaltender und beschränken uns überwiegend auf die Therapie von Unterkiefermolaren. Das liegt aber nicht an dem Produkt Emdogain, sondern daran, dass die Prognose jeglicher regenerativer Maßnahmen in Furkationen von Oberkiefermolaren aufgrund der komplexen Morphologie der Trifurkation bzw. der schwierigen Zugänglichkeit zur Entfernung von Plaque und Konkrementen eher ungünstig ist. Zur Rezessionsdeckung verwenden wir Emdogain in Verbindung mit einem koronalen Verschiebelappen, wenn ausreichend dicke keratinisierte Gingiva apikal des Rezessionsbereichs für die plastische Deckung zur Verfügung steht.

Was gehört zu einer präzisen Indikationsstellung in der Praxis dazu?

Spahr: Die Bestimmung der (knöchernen) Defektmorphologie bzw. Klassifizierung des Defekts erfolgt durch die Kombination radiologische Diagnostik und „Bone Sounding“ (Knochensondierung), bei dem unter örtlicher Betäubung Form und Volumen des vorhandenen Knochendefektes sondiert werden.

Inwiefern halten Sie Emdogain für „indikationssensibel“?

Spahr: Emdogain ist nicht mehr oder weniger indikationssensibel als Membranen. Aber der Einsatz der parodontalen Regeneration an sich ist indikationssensibel, da es sich dabei um einen komplexen biologischen Prozess handelt, der nur bei bestimmten Voraussetzungen erfolgt und bei dem verschiedene Einzelprozesse in einer konzertierten Aktion ablaufen müssen. Wunder geschehen leider auch in der Parodontologie nur selten.

Nach Herstellerangaben gehören auch „tiefe intraossäre Defekte“ zu den aktuellen Indikationsbereichen für Straumann Emdogain, dann in Kombination mit Knochenersatzmaterialien zu verwenden. Welche Ausmaße hat ein „tiefer Defekt“?

Spahr: Die Bezeichnung „tief“ ist ja immer relativ. Meines Erachtens sind z. B. Parameter wie Defektwinkel und Anzahl der verbliebenen Knochenwände von größerer Bedeutung als die absolute Defekttiefe. Wir sehen sehr häufig gerade in tiefen mehrwandigen Defekten mit spitzem Defektwinkel beeindruckende regenerative Ergebnisse, während bei einwandigen und/oder flachwinkligen Defekten das Ergebnis in der Regel eher bescheiden ausfällt.

  • Intraossärer Defekt vor Therapie. (Quelle aller Röntgenbilder und klinischer Abbildungen: Prof. Dr. Axel Spahr)
  • Defekt 12 Monate nach Regeneration mit Emdogain.
  • Intraossärer Defekt vor Therapie. (Quelle aller Röntgenbilder und klinischer Abbildungen: Prof. Dr. Axel Spahr)
  • Defekt 12 Monate nach Regeneration mit Emdogain.

  • Rezessionsdefekt vor Therapie.
  • 2 Jahre nach koronalem Verschiebelappen plus Emdogain.
  • Rezessionsdefekt vor Therapie.
  • 2 Jahre nach koronalem Verschiebelappen plus Emdogain.

  • Rezessionsdefekt vor Therapie.
  • 2 Jahre nach koronalem Verschiebelappen plus Emdogain.
  • Rezessionsdefekt vor Therapie.
  • 2 Jahre nach koronalem Verschiebelappen plus Emdogain.

  • Intraossärer Defekt bei Patientin mit lokalisierter aggressiver Parodontitis.
  • Defekt 12 Monate nach Regeneration mit Emdogain.
  • Intraossärer Defekt bei Patientin mit lokalisierter aggressiver Parodontitis.
  • Defekt 12 Monate nach Regeneration mit Emdogain.

Welche Faktoren sind entscheidend, um mit Emdogain vorhersagbare Ergebnisse zu erzielen?

Spahr: Entscheidende Erfolgsparameter bei der regenerativen Parodontaltherapie, ob unter Verwendung von Emdogain oder Membranen, sind meines Erachtens eine erfolgreiche Vorbehandlung sowie eine korrekte Indikationsstellung. Häufig wird vergessen, dass die intraossären Defekte, die man gerne regenerieren möchte, die Folgen einer parodontalen Erkrankung bzw. Parodontitis darstellen. Solange diese bakteriell bedingte entzündliche Erkrankung nicht erfolgreich behandelt worden ist, und zwar an allen betroffenen Zähnen, machen regenerative Maßnahmen wenig Sinn bzw. sind nicht erfolgsversprechend. Von großer Bedeutung für den Langzeiterfolg ist dabei vor allem auch die Etablierung und Aufrechterhaltung einer guten Mundhygiene. Besonders negativ auf das regenerative Ergebnis wirkt sich z. B. Rauchen aus.

Welche Behandlungskaskade hat sich Ihrer Erfahrung nach in der Klinik bewährt?

Spahr: Bei uns sieht der Ablauf folgendermaßen aus: Entfernung aller supragingivalen Beläge und Plaqueretentionsstellen sowie ausführliche und wiederholte Mundhygieneinstruktionen zur Etablierung einer suffizienten Mundhygiene. Therapie der Parodontitis (subgingival, nicht-chirurgisch) entsprechend der vorliegenden Parodontitisform (falls erforderlich auch unter Verwendung adjuvanter Antibiotika). Re-evaluation der Therapie nach 10 bis 12 Wochen. Bei Stabilisierung der parodontalen Situation, guter Compliance des Patienten sowie entsprechender Indikationsstellung erfolgt danach dann die Regeneration der geeigneten Defekte.

Wo sehen Sie „Stolperfallen“ für den erfolgreichen Einsatz von Emdogain vor der regenerativen Behandlung, intraoperativ oder während der Nachsorge?

Spahr: Die häufigsten Fehler, die meines Erachtens vor der regenerativen Behandlung gemacht werden, sind eine insuffiziente oder auch nicht durchgeführte systematische Behandlung der eigentlichen Parodontitis sowie das Unterschätzen des Einflusses von systemischen Faktoren und vor allem von Rauchen auf das regenerative Ergebnis. Entscheidende Fehler im Rahmen der regenerativen Maßnahme sind vor allem falsche Indikationsstellung bzw. die Auswahl eigentlich ungeeigneter oder nicht zu regenerierender Defekte, ein unsauber durchgeführter chirurgischer Eingriff und vor allem ein insuffizienter Wundverschluss. Häufigster Fehler in der Nachsorge ist das Unterschätzen der Bedeutung einer guten Mundhygiene und unterstützenden Parodontaltherapie für das Langzeitergebnis der parodontalen Regeneration.

  • Rezessionsdefekt kombiniert mit intraossären Knochendefekten.
  • Situs intra-operativ.
  • Rezessionsdefekt kombiniert mit intraossären Knochendefekten.
  • Situs intra-operativ.

Ist für den Einsatz von Schmelzmatrixproteinen eine chirurgische Herangehensweise erforderlich?

Spahr: Basierend auf den von uns nach der Anwendung von Emdogain beobachteten histologischen Heilungsprozessen sowie der beobachteten eingeschränkten Regeneration nach insuffizienter Reinigung der Wurzeloberfläche, insuffizienter Degranulation des knöchernen Defektes oder Verschleppung größerer Epithelreste sehe ich momentan den Einsatz von Emdogain nach wie vor nur im Rahmen eines chirurgischen Eingriffs. Allerdings führen wir diesen heute so minimalinvasiv und atraumatisch wie möglich aus.

  • Applikation von Emdogain.
  • Applikation eines Bindegewebstransplantats.
  • Applikation von Emdogain.
  • Applikation eines Bindegewebstransplantats.

  • Zwei Jahre nach OP und Komposit-Veneering.
  • Die Applikation von Emdogain auf die gereinigte Wurzeloberfläche des parodontal erkrankten Zahns begünstigt die Regeneration von Wurzelhaut, Wurzelzement und Alveolarknochen (Quelle: Straumann).
  • Zwei Jahre nach OP und Komposit-Veneering.
  • Die Applikation von Emdogain auf die gereinigte Wurzeloberfläche des parodontal erkrankten Zahns begünstigt die Regeneration von Wurzelhaut, Wurzelzement und Alveolarknochen (Quelle: Straumann).

Was sind die Erfolgsparameter hinsichtlich der Operationstechnik?

Spahr: Ein minimalinvasives operatives Procedere unter maximaler Schonung des Weichgewebes und geringstmöglicher Schädigung bzw. Störung der Blutversorgung in Verbindung mit einem dichten primären Wundverschluss sind die entscheidenden Erfolgsparameter bezüglich der Operationstechnik.

Nach welchem Zeitraum re-evaluieren Sie? Unter welchen Umständen würden Sie einen zweiten parodontalchirurgischen Eingriff mit Emdogain für legitim halten?

Spahr: Eine Re-evaluation des regenerativen Eingriffs findet bei uns nach 6 und 12 Monaten statt. Danach werden weitere Re-evaluationen im Rahmen der unterstützenden Parodontaltherapie bzw. des Monitoring der parodontalen Erkrankung durchgeführt.

Vielen Dank für die interessanten Informationen, Herr Prof. Spahr.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Aneta Pecanov-Schröder

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Aneta Pecanov-Schröder


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