Kollegentipps


Meine Suche nach dem digitalen Weg: Vom Geplanten zum Getanen

28.10.2021
aktualisiert am: 29.10.2021

.
.

In meinem letzten Artikel in der DI Juni haben Sie mehr über meine Überlegungen gelesen, um einzelne Arbeitsschritte durch Digitalisierung zu vereinfachen. Nun möchte ich Sie weiter auf dem Laufenden halten, mit welchen Schritten ich die Umsetzung des Projektes in die Hand genommen habe.

Die erste Annahme sollte immer sein: Alles ist möglich und technisch umsetzbar. Die erste Frage sollte immer sein: Was macht für mich und mein tägliches Arbeiten tatsächlich Sinn?

In meinem Fall, als oralchirurgische Schwerpunktpraxis, war das relativ einfach. Im Wesentlichen interessieren mich die Herstellung von Planungs- und Bohrschablonen für Implantate und die Augmentation.

Als weitere Anwendungen für eine autarke Praxis kann ich mir vorstellen Verbandsplatten, Aufbissschienen und Schnarchschienen selbst herzustellen. Eine herrliche Vorstellung wäre auch, die provisorische chairside Sofortversorgung eingliedrig oder mehrgliedrig selbst in die Hand zu nehmen.

Am Anfang steht die Software

Als sinnvollste Variante, um in alle Richtungen flexibel zu bleiben, und alle oben genannten Anwendungen zu erfüllen, erschien mir die Software exocad. Aufgrund guter Einblicke in die äußerst aktive und kreative Szene der Entwickler und Anwender, die ich bei „exocad Insights2020“ in Darmstadt im vergangenen September gewonnen hatte, war es mir am einfachsten, meine Fragen an die bereits aktiven Kollegen zu richten.

Da die exocad-Software nicht direkt von der eigentlichen Firma vertrieben wird, sondern jeweils über Hardwarehersteller oder Reseller, setzte ich mich direkt mit diesen in Verbindung. Vorteil daran ist, dass die Anwendung an ein bestimmtes Gerät schon mal sichergestellt ist und man so auf jeden Fall mit einem Anwender und damit Problemlöser ins Gespräch kommt.

In meinem Fall war das Dr. Batyr Kuliev aus Nürnberg: Ein Zahntechniker, Zahnarzt und Oralchirurg, welcher für exocad als Referent tätig ist und sein gesamtes Eigenlabor auf Basis dieser Software betreibt. Ein zweitägiger Besuch in seiner Praxis zeigte mir den vollen Umfang der beschreitbaren Wege.

Kein Wenn ohne Aber

  • Abb. 2.

  • Abb. 2.
    © Dr. Dehner/exocad
Nach Installation und Einrichtung der exocad Software exoplan habe ich mich weiter darangemacht, den Pfad durch die Software in Richtung einer einfachen Bohrschablone zu suchen. Das auf meinem hauseigenen DVT-Gerät erstellte DVT der Operationsregion (auf Wunsch auch mit kleinem Volumen) wird als *dcm Datei in die Software geladen (Abb. 2).

Nun fehlt noch ein Oberflächendatensatz, denn eine CT-Aufnahme mit den aus Kronen und Brücken resultierenden für Verschattungen/Artefakten bietet keine präzise Möglichkeit (Abb. 3). Solch ein Oberflächendatensatz in Form einer STL-Datei wird durch irgendeine Form von Scanner erzeugt (Abb. 1). So gibt es Laborscanner, welche das Gipsmodell erfassen und Intraoralscanner, welche Situation, Okklusion und damit einen ganzen Kiefer erfassen können.

  • Abb. 1.
  • Abb. 3.
  • Abb. 1.
    © Dr. Dehner/exocad
  • Abb. 3.
    © Dr. Dehner/exocad

Eine prothetisch arbeitende Praxis mit Sinn für den Weg in die Zukunft kommt um einen Intraoralscanner nicht herum, welcher die Abformung ersetzt und dem Zahntechniker einen gipsfreien Arbeitsplatz ermöglicht. Klar ist das eine tolle Sache, aber auch eine große Investition. In meinem Fall musste ich aus Kostengründen zunächst entsprechende Abstriche machen.

Ich habe mich für einen Tischscanner CS.Ultra der Firma CADstar entschieden, den ich als Gebrauchtgerät durch die freundliche Vermittlung von CADstar von einem Zahntechniklabor ablösen konnte. Auch hier ist der Investition keine Grenze gesetzt, denn die Qualität liegt im Detail: Für flüssiges Arbeiten benötigt der anhängige PC auch noch eine entsprechend leistungsstarke Grafikkarte. Nun kann ich einen STL-Datensatz des jeweiligen Gipsmodells erstellen.

Was kommt nach dem Scan?

Zurück zu exoplan. Die beiden Datensätze werden kombiniert (gematcht) (Abb. 4) und die Lücke mit einer virtuellen Aufstellung vervollständigt. Nun kann ich die in der Implantatbibliothek hinterlegten Implantate nach Lust und Laune virtuell planen und bekomme einen präzisen Eindruck davon, ob Weichgewebs- und Knochenaufbau nötig ist oder umgangen werden kann. Dies alles geschieht recht plakativ, so dass man sogar den Patienten in die Planung miteinbeziehen könnte (Abb. 5).

  • Abb. 4.
  • Abb. 5.
  • Abb. 4.
    © Dr. Dehner/exocad
  • Abb. 5.
    © Dr. Dehner/exocad

Einmal platziert kann der virtuelle OP-Situs gedreht und gewendet werden. Es folgt die Platzierung der Bohrhülse (Abb. 6), welche später in die Bohrschablone eingebettet ist (Abb. 7). Ich bin völlig frei, nun auch eine Full Guided Hülse einzufügen, welche mir das vollnavigierte Implantieren und später sogar das Verschrauben einer Krone auf dem so exakt platzierten Implantat ermöglicht. Herzlich willkommen in der Welt der Sofortversorgung!

  • Abb. 6.
  • Abb. 7.
  • Abb. 6.
    © Dr. Dehner/exocad
  • Abb. 7.
    © Dr. Dehner/exocad

Welchen 3D-Drucker nehme ich?

Nun ist zu überlegen, wie weit man den Weg geht: Konsequent oder mit Industriepartnern? Drucken oder Fräsen? Da eine eigene Fräseinheit weder zu meinem Investitionsplan noch zu meinem Arbeitsspektrum passte, habe ich mich für einen 3D-Drucker entschieden.

Hier gilt es grundsätzlich die Filamentdrucker von den Harzdruckern zu unterscheiden. Letztere haben eine Auflösung von bis zu 50 ?m und verfügen über eine große Bandbreite von für die intraorale Anwendung zugelassenen Harzen. Von der weichbleibenden Zahnfleischmaske, über ausbrennbare Materialien bis hin zu Modellkunststoff und klarem Schienenmaterial oder zahnfarbenem Harz für provisorische Versorgungen ist alles verfügbar und damit druckbar.

  • Abb. 8.

  • Abb. 8.
    © Dr. Dehner/exocad
Sowohl eine große Präzision, als auch eine große Vielfalt an Materialien bei akzeptablen Preis bietet der FORMLABS 3B (Abb. 8). Es handelt sich um einen handlichen Drucker von der Größe zweier Bierkästen, welcher auf einer Arbeitsplatte aufgestellt werden kann. Zur Endverarbeitung der gedruckten Ergebnisse benötigt man noch ein Alkoholbad Form Wash (90% Isopropanol) und einen Lichthärteofen Form Cure.

Drei Klicks und zwei Tage später erreichte der Drucker meine Praxis. Die Installation mit Unterstützung meines ITlers ging zügig. Nun war nach vielen Erwägungen eine komplette Workstation entstanden: Auf zum Produkt.

Erste Planung – erster Druck – erste OP

Auch hier zeigt sich, dass alles Erfahrung und dafür ein Einarbeiten in die Materie braucht. Zwar sind mittels des Wizard bei exoplan alle Schritte wie eine Perlenkette aneinandergereiht, dennoch lernt man wunderbar nach links und rechts zu blicken, wenn man vom Service-Mitarbeiter durch seinen ersten Patientenfall geführt wird. Zurück zu Erkenntnis Eins: Alles ist möglich.


.

Begleiten Sie mich weiter in unserer Serie zur Digitalisierung der Praxis zu meinem nächsten Ziel: Eine Implantation mit provisorischer Sofortversorgung.exocad

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Jan-Friedrich Dehner


Aufruf zur Online-Umfrage für ZÄ, ZMP und DH – Studie zu Gingivawucherungen
csm Bild 1 gingivawucherung.jpg 06f39e04d9a5f361cbe0cb540b51d060 43c9730af5

Prof. Dr. Christian Graetz et al., Universitätsklinikum Kiel, freuen sich über die Teilnahme an einer anonymisierten Umfrage. Zeitdauer ca. 10 Minuten. Die Studie untersucht, ob aus zahnmedizinischer Sicht eine adäquate Versorgung des o.g. Krankheitsbildes „gingivale Wucherungen“ vorliegt.