Diagnostik

Biofilmmanagement, Gingivitis, Mukositis, Parodontitis, Periimplantitis

Periimplantäre Erkrankungen – vermeiden statt therapieren!

Subgingivale Reinigung der Implantatoberflächen mittels Titanküretten und Ultraschall.
Subgingivale Reinigung der Implantatoberflächen mittels Titanküretten und Ultraschall.


Bei Zahnverlust gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Funktion durch künstlichen Zahnersatz wiederherzustellen. Die meisten Patienten äußern den Wunsch nach festsitzendem Zahnersatz. Implantate können natürliche Zähne ästhetisch sowie funktionell ersetzen, wobei es sich um einen künstlichen und anorganischen Zahnersatz mit anatomisch deutlichen Unterschieden handelt.

Anatomische Grundlagen – Zahn

Bei einem gesunden Zahn liegt die marginale Gingiva dem Zahn direkt an, eine Verbindung wird durch das Saumepithel über Hemidesmosomen hergestellt (epitheliales Attachment). Darunter befinden sich die suprakrestalen Fasern, die den Zahn mit der Gingiva verbinden (bindegewebiges Attachment). Ein Zahn ist, im Gegensatz zu einem Implantat, an desmodontalen Fasern im Alveolarfach aufgehängt. Die Faserbündel inserieren sowohl im Knochen als auch im Wurzelzement des Zahnes und ermöglichen dem Zahn eine physiologische Beweglichkeit. Bei Inzisiven beträgt diese bei einer horizontalen Auslenkungskraft von 5 N bis zu 120 Mikrometer [13]. Das desmodontale Gewebe ist stark vaskularisiert und innerviert. Dies dient dem Schutz des Zahnes vor okklusalen Traumen sowie der Immunabwehr. Jeder Zahn hat eine biologische Breite. Diese entspricht dem minimalen Platzbedarf des bindegewebigen und des epithelialen Attachments oberhalb des Limbus alveolaris, was in der Literatur insgesamt mit 2-3 Millimeter angegeben ist.

Anatomische Grundlagen – Implantat

Bei einem Implantat ist es wichtig ebendiese biologische Breite zu berücksichtigen – den entsprechenden Bereich stellt die Abutment Connection dar und ist dem Zahn sehr ähnlich (Abb. 1).

Das Implantat ist idealerweise osseointegriert, das heißt es besteht ein direkter und funktioneller Verbund zwischen Implantatoberfläche und Kieferknochen. Es werden höchste Anforderungen an die physikalischen Eigenschaften und Biokompatibilität gestellt. Durch das Fehlen von Wurzelzement und Desmodont besteht eine starre Verbindung zum Knochen, wodurch das Implantat gegenüber einem natürlichen Zahn nahezu keine Beweglichkeit aufweist. Die periimplantäre Mukosa ist, wie auch der natürliche Zahn, von keratinisiertem Epithel umgeben, das in Saumepithel übergeht. Darunter befindet sich ein bindegewebiger Anteil, der das Saumepithel und den Alveolarknochen trennt. Der supraalveoläre Faserapparat ist im Gegensatz zu natürlichen Zähnen vertikal parallel zur Implantatoberfläche ausgerichtet und besonders kollagenreich, aber schlechter vaskularisiert. Diese anatomischen Unterschiede zwischen Zahn und Implantat haben weitreichende Folgen für die Biofilmanlagerung, aber auch die entzündliche Reaktion sowie die Abwehr (Abb. 1).

  • Abb. 1: Anatomische Unterschiede zwischen einem an desmodontalen Fasern im Alveolarfach aufgehängten Zahn (1a) und einem osseointegrierten Implantat (1b).
  • Abb. 2: Rund jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist an einer mittelschweren bis schweren Parodontitis erkrankt [16]. (Bildquelle: DMS V)
  • Abb. 1: Anatomische Unterschiede zwischen einem an desmodontalen Fasern im Alveolarfach aufgehängten Zahn (1a) und einem osseointegrierten Implantat (1b).
  • Abb. 2: Rund jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist an einer mittelschweren bis schweren Parodontitis erkrankt [16]. (Bildquelle: DMS V)

  • Abb. 3: Implantate in situ.
  • Abb. 4: Die Hygienefähigkeit von Suprakonstruktionen ist besonders wichtig für einen langfristigen Implantaterhalt. Die hier abgebildete Konstruktion ist parodontalhygienisch ungünstig und vom Patienten nur schwer sauber zu halten.
  • Abb. 3: Implantate in situ.
  • Abb. 4: Die Hygienefähigkeit von Suprakonstruktionen ist besonders wichtig für einen langfristigen Implantaterhalt. Die hier abgebildete Konstruktion ist parodontalhygienisch ungünstig und vom Patienten nur schwer sauber zu halten.

Epidemiologie

Implantate sind zu einer unverzichtbaren, etablierten zahnärztlichen Therapiemaßnahme geworden, um verlorene Zähne in verschiedenen klinischen Situationen zu ersetzen. Die Anzahl der gesetzten Implantate hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Noch im Jahre 1997 waren Implantate keine messbare statistische Größe [1], wohingegen 2005 bereits 1,4 % der Erwachsenen eines oder mehr Implantate besaßen, Senioren sogar 2,6 % [2]. Derzeit werden pro Jahr ca. 1 Millionen Implantate in Deutschland gesetzt. Damit steigt auch die Zahl der periimplantären Erkrankungen. Eine Studie von Mombelli et al. [3] fasst die Datenlage sehr gut zusammen: 20 % aller Patienten und 10 % aller gesetzten Implantate benötigen nach 5-10 Jahren eine Periimplantitis-Therapie. Allen Studien zur Epidemiologie gemeinsam ist der positive Zusammenhang zwischen Prävalenz der Periimplantitis und dem Faktor Zeit. Das bedeutet, dass das Auftreten einer Periimplantitis umso wahrscheinlicher wird, je länger das Implantat in Funktion steht (Abb. 3).

Entstehung der periimplantären Erkrankungen

Die Begriffe Gingivitis und Parodontitis beschreiben Erkrankungen der Gingiva und des Parodonts natürlicher Zähne. Die Entzündungen, die das Weichgewebe und den Knochen um Implantate herum betreffen, können analog dazu mit den Begriffen Mukositis und Periimplantitis benannt werden. Die Übergänge beider Erkrankungen sind häufig fließend und klinisch oft nicht klar voneinander zu trennen [4].

Dentaler Biofilm als Hauptursache

  • Abb. 6: Klinisch deutlich gelockertes Implantat mit fortgeschrittener Periimplantitis, das in gleicher Sitzung entfernt werden musste.

  • Abb. 6: Klinisch deutlich gelockertes Implantat mit fortgeschrittener Periimplantitis, das in gleicher Sitzung entfernt werden musste.
Es handelt sich um eine multikausale Erkrankung, Hauptfaktor für die Entstehung ist das Vorhandensein einer dentalen Plaque. Diese stellt sich klinisch als strukturierter, zäher Zahnbelag dar und ist nicht absprühbar, sondern nur mechanisch entfernbar. Die Zusammensetzung kann individuell unterschiedlich sein und entspricht nicht unbedingt der charakteristischen oralen Residentflora der Mundhöhle. Grundsätzlich wird ein Biofilm als bakterielle Population definiert, die in einer selbst produzierten Matrix aus extrazellulären polymeren Substanzen eingeschlossen ist. Verbleibt die Plaque länger auf der Zahnoberfläche, verändert sich ihre Zusammensetzung von einem zunächst aeroben zu einem vermehrt anaeroben Keimspektrum (Abb. 6).

Bei einer reifen Plaque kommen vermehrt pathogene Bakterienarten hinzu. Eine Plaque ist umso pathogener einzustufen, je mehr bewegliche, gramnegative und anaerobe Erreger zu finden sind. Die Bakterien innerhalb eines dentalen Biofilms weisen ein anderes Verhalten auf als in planktonischer Form, es kommt bei Adhäsion zu einer drastischen Pathogenitätssteigerung [5]. Bei einer plaquebedingten Entzündung des Parodonts erhöht sich das gingivale Exsudat durch die Reaktion des Körpers mit Immun- und Entzündungsantworten und das Saumepithel proliferiert. Dessen Folge ist zunächst eine Gingivitis bzw. Mukositis. Klinisch stellt diese sich durch geschwollenes, gerötetes Weichgewebe dar. Blutung bei Sondierung (BOP: bleeding on probing) kann ein weiterer Indikator für das Vorliegen einer Entzündung sein. Dieser Zustand ist, analog zur Gingivitis, noch reversibel. Gingivitis kann bei Entfernung der Plaque wieder vollständig verschwinden [6, 7]. Beim Fortschreiten der Entzündung proliferiert die Plaque nach apikal. Es entsteht eine Art Wechselspiel zwischen den Entzündungsantworten des Wirtsorganismus und dem Angriff von Mikroorganismen. So führt beispielsweise die Sezernierung von Prostaglandinen aus Makrophagen zur Stimulation von Osteoklasten. Hier wird ersichtlich, dass auch die körpereigenen Abwehrmechanismen zur Destruktion des Parodonts beitragen. Die Folge ist eine irreversible Zerstörung von Implantat umgebendem Bindegewebe und Knochen ? es entsteht eine aktive Periimplantitis.

Späte Diagnose als Ursache für schlechte Prognose

Parodontitis ist eine Erkrankung, die meist lange Zeit unentdeckt bleibt, weil sie weitestgehend schmerzfrei verläuft. Bis auf gelegentliches Zahnfleischbluten geben die Patienten häufig keinerlei Beschwerden an. Periimplantäre Erkrankungen sind deshalb tückisch, weil sie analog zur Parodontitis in vielen Fällen ebenso nahezu schmerzfrei ablaufen und deshalb lange unbemerkt bleiben können. Der Patient kann auch hier meist keine Anzeichen einer Erkrankung erkennen. So kommt es zur verspäteten Diagnostik und Therapiebeginn, was wiederum die Prognose deutlich verschlechtert.

Es wird diskutiert, ob bei einer Periimplantitis im Gegensatz zur Parodontitis ein anderes Keimspektrum vorliegt, weil ein vermehrtes Vorkommen von Staphylococcus aureus und Staphylococcus epidermis beobachtet wurde. Eine mögliche Ursache dafür könnte eine Affinität der genannten Keime zu Titanoberflächen darstellen [8]. Bemerkenswert ist auch, dass das entzündliche Infiltrat bei Implantaten reich an Makrophagen, Lymphozyten und Plasmazellen ist [9], wohingegen bei einer Parodontitis deutlich weniger Plasmazellen und mehr T-Lymphozyten auftreten [10]. Pus und Fisteln treten an Implantaten mit fortschreitendem Knochenverlust vermehrt auf [11]. Ein weiterer Unterschied liegt in der Schnelligkeit des Fortschreitens der Entzündung, was auf ein Fehlen des Desmodonts zurückzuführen ist. Wo bei einem natürlichen Zahn – bis zu einem gewissen Ausmass – ein selbstlimitierender Prozess vorliegt, der den Knochenabbau „in Schach hält“, schreitet der Knochenabbau bei einem Implantat im Allgemeinen rascher fort [12] (Abb. 6).

Risikofaktoren – wichtige Faktoren für Ursache, Verlauf und Prognose

Es gibt weitere Faktoren, die die Entstehung einer Periimplantitis begünstigen können, es aber nicht vermögen diese allein auszulösen. Dazu zählen systemische Erkrankungen wie Diabetes, lokale Reizfaktoren wie zum Beispiel Zementreste („Perizementitis“), überstehende Restaurationsränder oder die Beschaffenheit und Eigenschaften der Implantatoberfläche. Wie bereits eingehend beschrieben stellt eine insuffiziente Mundhygiene den Hauptrisikofaktor für das Entstehen einer Parodontitis dar. So bergen komplizierte Suprakonstruktionen die Gefahr einer schlechten Hygienefähigkeit. Vor allem ältere Patientengruppen sind meist nicht in der Lage zahlreiche Nischen adäquat zu reinigen. Gelangen Biofilme erst an das Implantatgewinde bietet dieses eine große Oberfläche mit zahlreichen Nischen und begünstigt das Biofilmwachstum. Ein weiterer wichtiger Verhaltensrisikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten sowohl einer Parodontitis als auch einer periimplantären Entzündung ist das Rauchen. Es besteht ein direkter Zusammenhang mit marginalem Knochenabbau und verstärktem Implantatverlust trotz systematischer PA-Therapie [11, 14]. Eine Studie bestehend aus einer Kohorte von 47 Patienten und insgesamt 273 über einen Zeitraum von 10 Jahren untersuchten Implantaten bestätigt einen deutlich erhöhten Knochenverlust bei Rauchern [15].

Im Bezug auf den Risikofaktor Parodontitis gibt es statistisch unterschiedliche Aussagen. Rund jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist an einer Parodontitis erkrankt. 43 % davon leiden an einer mittelschweren, 8 % an einer schweren Form der Parodontitis [16] (Abb. 2). Nach einer Studie von Roos-Jansaker [17] sei das Entstehen einer Periimplantitis bei Patienten mit Parodontitis wahrscheinlicher. Allerdings sei dabei zu bedenken, dass nicht allen in der Studie involvierten Patienten in gleicher Frequenz und Qualität eine unterstützende Parodontitis-Nachsorge zuteil wurde. Dies fördert das Risiko des Entstehens periimplantärer Läsionen, weshalb Patienten mit einem erhöhten Risiko engmaschiger kontrolliert werden sollten.

Therapie periimplantärer Erkrankungen

  • Abb. 5: Klassischer Michigan-Status, wie er auch sowohl zur Verlaufskontrolle von Zähnen als auch Implantaten empfohlen ist.

  • Abb. 5: Klassischer Michigan-Status, wie er auch sowohl zur Verlaufskontrolle von Zähnen als auch Implantaten empfohlen ist.
Das Bluten der periimplantären Mukosa (BOP) gilt als erster Anhaltspunkt für eine periimplantäre Mukositis [22]. Diese ist der Vorläufer einer Periimplantitis [18], weshalb der rechtzeitigen Intervention beim Vorliegen einer Mukositis eine enorme Bedeutung zukommt, um folglich das Entstehen einer Periimplantitis zu verhüten [23]. Die Gestaltung der Suprakonstruktion des Implantats muss nicht nur hygienefähig, sondern soll auch derart gestaltet werden, dass das regelmäßige Messen von Sondierungstiefen problemlos möglich ist [18]. Ein stetiger Vergleich der gemessenen Baseline-Sondierungstiefen mit den jeweils aktuellen kann bei erhöhten Werten ebenso einen wichtigen Indikator für eine periimplantäre Erkrankung darstellen. Die Basis hierfür bildet der in regelmäßigen Abständen erhobene PA-Status (Abb. 5). Hinzu kommen das Entstehen von Pus und gingivale Rezessionen des periimplantären Weichgewebes. Pusaustritt aus periimplantären Taschen ist mit einer Infektion assoziiert und weist auf einen entzündlichen Prozess hin.

Es besteht zudem eine Korrelation mit periimplantärem Knochenverlust [24].

Bei dem Vorliegen einer Periimplantitis ist das primäre Ziel der nicht-chirurgischen Therapie die Reduzierung des BOP. Um die Entzündung, ausgelöst durch den dort vorhandenen Biofilm, zu reduzieren, sollte ein mechanisches Debridement der Implantatoberfläche erfolgen. Evidenzbasierte, alternative Methoden, wie die Monotherapie mittels Er:YAG-Laser oder des Glycin-gestützten Air-Polishings sowie der adjuvante Einsatz lokaler Antibiotika (Doxycyclin in einmaliger Anwendung), Antiseptika und antimikrobielle photodynamische Therapie, werden gemäß der S3-Leitlinie empfohlen [27]. Die raue Oberfläche des Implantats begünstigt nicht nur eine erhöhte Plaqueanheftung, sondern auch Bedingungen für eine pathogenere Flora [28]. Eine zu glatte Oberfläche hingegen stört die Anlagerung von Weichgewebe, wobei eine weitere Reduktion der Oberflächenrauhigkeit unterhalb einer gewissen Grenze keine bedeutenden Auswirkungen mehr auf die supra- und subgingivale Zusammensetzung der Bakterien hat [25]. Die Oberflächenbeschaffenheit von Implantaten sollte bestenfalls eine Balance zwischen möglichst wenig bakterieller Adhäsion und dennoch die Voraussetzungen für eine Weichgewebshaftung bieten. Zur Instrumentierung von Implantaten stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung.

Eine Metaanalyse von Figuero et al. [28] beschreibt nur begrenzte Ergebnisse nicht-chirurgischer Periimplantitistherapie. Wenn die Entzündung nicht kontrolliert werden kann, sollte anschließend eine chirurgische Therapie erfolgen [28]. Entscheidend für die Auswahl der chirurgischen Technik sei die periimplantäre Läsion. Tiefe, schüsselförmige Defekte sollten eine gründliche Reinigung und Dekontamination der Implantatoberfläche erfahren und der Defekt schließlich rekonstruiert werden. Eine vollständige Dekontamination ist laut Wetzel et al. [29] bislang technisch kaum umzusetzen. In Anwesenheit von Defekten ohne klare Knochenwände oder vorherrschendem horizontalen Knochenabbau empfiehlt Figuero et al. [28] eine sorgfältige Reinigung und die apikale Reposition der marginalen Mukosa. Dies soll dem Patienten eine effektive Reinigung dieses Bereiches ermöglichen, obgleich möglicherweise eine ästhetische Beeinträchtigung in Kauf genommen werden muss.

  • Abb. 7: Subgingivale Reinigung der Implantatoberflächen mittels Titanküretten und Ultraschall.

  • Abb. 7: Subgingivale Reinigung der Implantatoberflächen mittels Titanküretten und Ultraschall.
Schär et al. [30] konnten hingegen zeigen, dass bei initialer Periimplantitis Erfolge im Sinne einer signifikanten Reduktion der Anzahl der Stellen mit positivem BOP sowie der Sondierungstiefen nach einem Zeitraum von 6 Monaten nach nicht-chirurgischer PA-Therapie, kombiniert mit einer antibakteriellen Begleittherapie, erzielt werden konnten. Gleiche Ergebnisse wurden nach einem Zeitraum von 12 Monaten erzielt [31]. Die Kombination aus Scaling (Titanküretten) und photodynamischer Therapie erzielte dabei die gleichen Erfolge wie das Scaling kombiniert mit lokaler Antibiose (Abb. 7).

Es wird deutlich, dass die Therapiemöglichkeiten und -erfolge bei einer etablierten Periimplantitis gering sind und keine vorhersagbaren Ergebnisse erzielt werden können. Angesichts der geringen Erfolge und unsicheren Prognose ist der Schlüssel zum Langzeiterhalt eines Implantats vor allem die Vorbeugung des Entstehens einer periimplantären Erkrankung. Der Fokus sollte deshalb von Beginn an auf präventive Maßnahmen gelegt werden.

Prävention periimplantärer Erkrankungen

Risikofaktoren beachten

Das Risiko eines möglichen Auftretens periimplantärer Erkrankungen und dessen Ursachen und Zusammenhänge sollten bereits vor der Implantation mit dem Patienten besprochen werden [18]. Insbesondere beim Vorliegen bestimmter Risikofaktoren ist das frühzeitige Ergreifen präventiver Maßnahmen essenziell. Entscheidend für den langfristigen Erhalt eines Implantats ist die Schaffung parodontal gesunder Verhältnisse in der Mundhöhle bevor eine Implantation durchgeführt wird. Unterstützend sollte unmittelbar vor der Implantatinsertion eine Schleimhautantiseptik (z. B. mittels CHX-Spülung) erfolgen. Ebendiese kann unmittelbar nach Insertion weiterhin angewendet werden (auch als Gel), um durch bakterielle Besiedlung entstehende Suprainfektionen der Wunde zu verhüten.

Parodontale Therapie und Nachsorge durchführen

Zusätzlich zur Schaffung und dem Erhalt gesunder Verhältnisse des Parodonts vor Insertion durch eine systematische und sorgfältige Parodontaltherapie, kommt der Nachsorge, sowie deren hohe Frequenz und Qualität eine entscheidende Bedeutung zu. Die Studienlage beschreibt diesbezüglich, dass durchschnittlich einer von fünf Patienten und eines von zehn Implantaten innerhalb von 4,5 Jahren eine Periimplantitis entwickelt, wenn nicht eine regelmäßige Nachsorge erfolgt [19].

Die Nachsorge, auch unterstützende Parodontitis-Therapie (UPT) genannt, beschreibt eine lebenslange, präventive Betreuung eines Patienten. Eine regelmäßige Überprüfung und Aktualisierung der allgemeinen Anamnese kann Hinweise darauf geben, ob ein erhöhtes Risiko an einer Parodontitis zu erkranken vorliegt (Rauchen, Diabetes usw.).

Regelmäßige, ausführliche Diagnostik

Die regelmäßige Nachsorge beinhaltet, neben ausführlicher Diagnostik, eine supra- und subgingivale Reinigung der Zähne und Implantate, sowie eine Remotivation, Reinstruktion und individuelle Risikoerfassung (Abb. 5, 7, 9, 10). Entscheidend dabei ist vor allem die Compliance seitens des Patienten, sowohl bezüglich der regelmäßigen Teilnahme an den Sitzungen (3- bis 6-monatiger Intervall) als auch die häusliche Umsetzung der erlernten Mundhygienemaßnahmen und Verhaltensänderungen, wie zum Beispiel eine Reduzierung des Tabakkonsums. Zu einer sorgfältigen Diagnostik, die mindestens in halbjährlichen Abständen erfolgen sollte, gehört neben der Messung von Gingivaverlauf, Furkationsbefall und Lockerungsgraden vor allem die Erhebung der Sondierungstiefen (an 6 Stellen sowohl am natürlichen Zahn als auch am Implantat) und Bleeding on Probing (BOP) (Abb. 9).

  • Abb. 8: Die Anfertigung von Zahnfilmen in regelmäßigen Abständen ermöglicht eine Kontrolle des Knochenverlaufs um das Implantat.
  • Abb. 9: Die Sondierungstiefen an Implantaten sollten regelmäßig gemessen werden.
  • Abb. 8: Die Anfertigung von Zahnfilmen in regelmäßigen Abständen ermöglicht eine Kontrolle des Knochenverlaufs um das Implantat.
  • Abb. 9: Die Sondierungstiefen an Implantaten sollten regelmäßig gemessen werden.

  • Abb. 10: Das Anfärben der Zähne im Rahmen einer Prophylaxe-Sitzung dient der Sichtbarmachung der Beläge für den Patienten.
  • Abb. 10: Das Anfärben der Zähne im Rahmen einer Prophylaxe-Sitzung dient der Sichtbarmachung der Beläge für den Patienten.

Bei Implantaten gelten als Referenz in erster Linie die Baseline-Daten nach prothetischer Eingliederung (Abb. 5). Eine erhöhte Beweglichkeit ist ein Indikator für fehlende Osseointegration. Zusätzlich zur regelmäßigen klinischen Diagnostik sollte zumindest einmal jährlich eine röntgenologische Kontrolle der Implantate stattfinden (Abb. 8). Am besten eignet sich die durchaus regelmäßige Anfertigung eines Zahnfilmes, um möglichen periimplantären Knochenverlust frühzeitig zu identifizieren.

Optimierung häuslicher Mundhygiene

Nach der klinischen Diagnostik sollte eine Überprüfung der häuslichen Mundhygiene erfolgen. Diese hat einen entscheidenden Einfluss auf den Langzeiterhalt von natürlichen Zähnen und Implantaten. Neben einer für den Patienten sichtbaren Darstellung der Situation, zum Beispiel durch Anfärben der Beläge mit Hilfe von Plaquerelevatoren, kann sich das wiederholte Erheben eines Plaqueindex motivierend auf die Mitarbeit auswirken (Abb. 10). Plaqueretentionsstellen wie überstehende Füllungsränder sollten entfernt werden, um die Voraussetzung für eine akkurate Hygiene zu schaffen. Ein erfolgreiches Biofilmmanagement kann nur durch eine Kombination aus chemischer und mechanischer Reinigung erreicht werden. Dabei stellen das Zähneputzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpaste und ergänzende Interdentalraumhygiene mit speziellen Hilfsmitteln die beste Kombination zur häuslichen Prävention dar. Chapple et al. [20] empfehlen bei Patienten mit Gingivitis und Parodontitis vor allem die Anwendung von Interdentalraumbürstchen. Sie sollten in allen Approximalräumen angewandt werden, da mit ihnen sehr effektiv approximale Plaque entfernt werden kann (Abb. 11).

Eine ergänzende chemische Plaquekontrolle durch antibakterielle Mundspüllösungen wird von Arweiler et al. [21] empfohlen.

  • Abb. 11: Die häusliche Anwendung von Interdentalraumbürstchen sollte im Rahmen der UPT mit dem Patienten geübt werden.
  • Abb. 12: Subgingivale Reinigung der Implantatoberfl äche mittels Pulverstrahlgerät: Der abgebildete Aufsatz eignet sich speziell für die subgingivale Anwendung. Dabei sind wenig abrasive Erythritol- oder Glycinpulver zu empfehlen.
  • Abb. 11: Die häusliche Anwendung von Interdentalraumbürstchen sollte im Rahmen der UPT mit dem Patienten geübt werden.
  • Abb. 12: Subgingivale Reinigung der Implantatoberfl äche mittels Pulverstrahlgerät: Der abgebildete Aufsatz eignet sich speziell für die subgingivale Anwendung. Dabei sind wenig abrasive Erythritol- oder Glycinpulver zu empfehlen.

Professionelles Biofilm-Management

Ein wichtiger Bestandteil der UPT ist die regelmäßige subgingivale Instrumentierung von Residualtaschen sowie die Nachsorge an Implantaten. Alternativ oder ergänzend kann auch auf die Anwendung eines Pulverstrahlgeräts mit wenig abrasivem Erythritol- oder Glycin-Pulver zurückgegriffen werden (Abb. 12).

Instrumentierung

Eine aktuelle in-vitro-Studie von Schmidt et al. [26] hat folgende Möglichkeiten der Instrumentierung von Implantatoberflächen getestet: Stahl-, Titan- und Kunststoffküretten, Ultraschall (Kunststoff- und Stahlspitze), Air-Polishing mit niedrig-abrasivem Pulver (Perio-, Soft- und Plus-Pulver), Laser und die Implantoplastik mit einem Diamantbohrer und anschließender Politur. Ein Implantat blieb als Kontrollgruppe uninstrumentiert. Vor und nach der Anwendung der einzelnen Methoden wurden elektronenmikroskopische Aufnahmen mit einer 1.000-fachen Vergrößerung der instrumentierten Implantatoberflächen angefertigt. Ziel dieser Studie war die Prüfung der Oberfläche nach Instrumentierung im Hinblick auf mögliche Veränderungen und damit eventuell einhergehende veränderte bakterielle Kolonisation. Viele Studien belegen ein Fortschreiten der Periimplantitis, verursacht durch mögliche Schäden an der Implantatoberfläche durch Instrumentierung mit Titanküretten. Schmidt et al. [26] kommen zu dem Ergebnis, dass nahezu alle oben genannten Instrumentierungsformen zu empfehlen sind. Einzig die Stahl-Kürette hat im Vergleich zu den anderen Methoden eine signifikant höhere Oberflächenrauigkeit erzeugt und sollte deshalb eher nicht verwendet werden. Es konnten aber keine signifikanten Unterschiede im Hinblick auf die Biofilmbildung nach den verschiedenen Instrumentierungen festgestellt werden.

Zusammenfassung und Ausblick

Zusammenfassend ist herauszustellen, dass die Prävention im höchsten Maße bedeutend für den Langzeiterhalt von Implantaten ist. Liegt bereits eine Periimplantitis vor, ist das therapeutische Spektrum begrenzt und ein Behandlungserfolg nicht voraussagbar. Eine sorgfältige häusliche Mundhygiene sowie regelmäßige Nachsorge-Intervalle schaffen die Basis für langfristig gesunde parodontale Verhältnisse. Diese sollten neben dem Erkennen individueller Risikofaktoren, supragingivalem Biofilm-Management und umfassender Diagnostik gegebenenfalls subgingivale Instrumentierung bei erhöhten Sondierungstiefen beinhalten. Durch die Kombination von professioneller Betreuung und häuslicher Mitarbeit des Patienten können periimplantäre Erkrankungen bestenfalls verhütet oder zumindest in einem reversiblen Stadium erkannt werden.

weiterlesen

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: ZÄ Nikola Alexandra Lippe - Prof. Dr. Nicole Arweiler


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