Parodontologie

Antibakteriell, Mundspüllösung, Chlorhexidin

Antibakterielle Wirkstoffe in Mundspüllösungen

Nach viertägigem Verzicht auf jegliche Mundhygienemaßnahmen zeigt sich (hier im Rahmen einer Studie) die Effektivität einer antibakteriellen Mundspüllösung. Im linken Bild wurde lediglich mit einer Placebo-Lösung gespült, welche den Plaqueaufwuchs
Nach viertägigem Verzicht auf jegliche Mundhygienemaßnahmen zeigt sich (hier im Rahmen einer Studie) die Effektivität einer antibakteriellen Mundspüllösung. Im linken Bild wurde lediglich mit einer Placebo-Lösung gespült, welche den Plaqueaufwuchs

Mundspüllösungen haben eine lange Tradition. Bereits in dem Schriftstück „Papyrus Ebers“ aus dem Jahr 1700 v. Chr. wurden Mundspüllösungen und verschiedene Rezepturen vorgeschlagen. Vornehmlich diente das Spülen des Mundes der Erfrischung des Atems, aber man erhoffte sich bereits damals, schädliche „Säfte“ wegzuspülen und den Atem wohlriechend zu machen.

Erst in den letzten 30 Jahren werden die Wirkstoffe in Mundspülprodukten wissenschaftlich untersucht, einige der damals verwendeten Naturstoffe können heute der Gruppe der ätherischen Öle zugeordnet werden. Auch das Spülen mit Urin war weit bis in das Mittelalter populär, wirksame Inhaltstoffe sind dabei Ammoniumsalze, die ebenfalls eine antibakterielle Wirkstoffgruppe darstellen.

Da antibakterielle Wirkstoffe oft gut wasserlöslich sind und bei Zahnpasten aufgrund der zahlreichen Inhaltstoffe Inaktivierungen nicht ausgeschlossen sind, stellen Mundspüllösungen die idealen Trägermedien dar. Mundspüllösungen werden normalerweise zusätzlich zum Zähneputzen benutzt, wodurch verbliebene Plaquereste nachträglich durch chemische Substanzen beeinflusst werden können.

Wirkstoffe

Grundsätzlich unterscheidet man bei Mundspülprodukten Fluoridlösungen, die einen remineralisierenden Effekt haben und somit der Kariesprophylaxe bzw. der Unterstützung bei überempfindlichen Zahnhälsen dienen, von denen, die antibakterielle Wirkstoffe enthalten. Hier unterteilt man wiederum in die zahlreichen chlorhexidinhaltigen Präparate und solche mit anderen Wirkstoffen. Immer häufiger findet man auch Kombinationen sowohl von Fluoriden mit antibakteriellen Wirkstoffen als auch Kombinationen unterschiedlicher antibakterieller Wirkstoffe.

Chlorhexidin gilt als die wirksamste Substanz, da sowohl eine überragende Hemmung der Plaquebildung als auch eine therapeutische Wirkung auf die Gingivitis in zahlreichen Studien klinisch nachgewiesen werden konnte. Eine ideale Plaquehemmung ergibt sich bei einer Tagesdosis von etwa 30 bis 40 mg, was zum Beispiel dem zweimal täglichen Spülen mit 10 ml einer 0,2 %-igen Spüllösung entspricht. Bei einer reduzierten Konzentration von 0,1 bzw. 0,12 % sollte die Spülmenge auf 15 ml erhöht werden, um ähnliche Resultate zu erreichen.

Chlorhexidinhaltige Produkte müssen bei einer Konzentration über 0,3 % als Arzneimittel vertrieben werden, bei niedrigeren Konzentrationen (also auch den üblichen 0,1 bis 0,2 %) ist sowohl der Status eines Kosmetikums als auch eines Arzneimittels möglich. Für ein Arzneimittel werden vom Gesetzgeber zum einen erhöhte Anforderungen an wissenschaftliche nachgewiesene Effektivität gestellt, zum anderen müssen Nebenwirkungen sorgfältig dokumentiert werden, was dem Verbraucher eine gewisse Sicherheit gewährleistet. Bei den Kosmetika sind viele Kombinationen denkbar (z. B. Chlorhexidin mit Cetylpyridiumchlorid), während Arzneimittel aus rechtlichen Gründen nur Monopräparate sind.

Kein anderer Wirkstoff konnte bisher die Wirkung von Chlorhexidin erreichen oder gar übertreffen. Dabei decken zahlreiche Wirkstoffe in Labortests (in vitro-Versuche) bereits mit niedrigen Konzentrationen ein breites Bakterienspektrum (Keime der Mundhöhle) ab. In der klinischen Situation können diese aber dann nicht die Effektivität von Chlorhexidin aufweisen, was vor allem an einer schlechteren Substantivität liegt. Diese „Haftung eines Wirkstoffes in der Mundhöhle (in aktiver Form)“ bestimmt nämlich die Wirksamkeit einer Substanz. Nach dem (meist einminütigen) Spülen ist auch ein hervorragender Wirkstoff zahlreichen Inaktivierungen ausgesetzt. Wenn er sich nicht an die intraoralen Gewebe anhaften kann, wird dieser Wirkstoff schnell wieder ausgespuckt, geschluckt oder von zahlreichen Speichelenzymen inaktiviert. Damit können dann zwar vorhandene Bakterien (vor allem die des Speichels) stark dezimiert oder inaktiviert, die sich nachfolgend bildende Plaque aber nicht mehr ausreichen gehemmt werden.

In klinischen Studien, die prinzipiell immer Chlorhexidin (0,1 - 0,2 %) als Vergleichsprodukt (Goldstandard) untersuchen sollten, haben sich die Wirkstoffkombination Aminfluorid/Zinnfluorid, eine bestimmte Kombination ätherischer Öle sowie Chlorhexidinlösungen in 0,06 %iger Konzentration als wirksam gegenüber Plaque und Gingivitis herausgestellt. Diese Mundspüllösungen sind – im Gegensatz zu 0,1 - 0,2 %igen Chlorhexidinlösungen – für den Langzeitgebrauch zusätzlich zum Zähneputzen gut geeignet.

Eine weitere große Gruppe stellen die Mundspüllösungen mit Cetylpyridiniumchlorid (CPC; ein Ammoniumsalz) bzw. Metallsalzen dar. Diese Wirkstoffe sind allerdings in den eingesetzten Konzentrationen nur wenig wirksam gegenüber Plaque und Gingivitis.

CPC weist in vitro eine Wirksamkeit auf, die sich sehr gut mit Chlorhexidin messen kann, die aber in vivo – aufgrund einer geringen Substantivität – nicht bestätigt werden konnte. Daher werden immer wieder Wirkstoffkombinationen mit CPC entwickelt, bei denen die Haftung in der Mundhöhle erhöht werden und somit sich die antibakterielle Wirksamkeit von CPC entfalten soll.

Salze von Metallen wie Zink, Kupfer, Zinn und Aluminium sind altbekannte antibakterielle Wirkstoffe, ihre Konzentration kann allerdings aufgrund von Geschmack und anderer Nebenwirkungen nur so gering gewählt werden, dass ihre alleinige Wirksamkeit eingeschränkt ist. In Kombinationen sind sie aber häufig Bestandteil sowohl von Mundspüllösungen als auch von zahlreichen Zahnpasten.

Für eine Beurteilung „neuerer“ Wirkstoffe, wie z. B. Xylit, Octenidin, Octapinol bezüglich ihrer klinischen Wirksamkeit, reicht die Studienlage (insbesondere in Form von Mundspülprodukten) bisher noch nicht aus.

Dies gilt ebenso für viele der angebotenen Produkte, die häufig im „alternativen“ Bereich zu finden sind und meist ätherische Öle als Wirkstoff enthalten. Eine antibakterielle Wirkung dieser Stoffe mag zwar bekannt sein, dies impliziert aber keineswegs eine Wirksamkeit eines Produktes, auch wenn noch so viele wirksame Substanzen kombiniert werden

Unterschiedliche Formulierungen, unterschiedliche Wirkung

Grundsätzlich muss jede Formulierung mit seiner entsprechenden Wirkstoff-Kombination bzw. -Konzentration untersucht werden, um eine klinische Wirksamkeit zu belegen. Die reine Anwesenheit eines Wirkstoffs ist dabei keine Garantie.

Ähnliches gilt für den Zusatzstoff Alkohol, der insbesondere für ätherische Öle als Lösungsvermittler in wässrigen Mundspülprodukten dient. Außerdem dient Alkohol der Konservierung und Haltbarkeit der Produkte. Aus verschiedenen Gründen (z. B. Alkoholverbot nach Abusus bzw. aus religiösen Gründen, empfindlicher Mundschleimhaut, bei Kindern und Jugendlichen sowie bei Schwangeren) gehen mehr und mehr Hersteller dazu über, den Alkohol aus der Formulierung herauszunehmen und durch andere Lösungsvermittler bzw. Stabilisatoren zu ersetzen. Hier ist es aber äußerst wichtig, dass die Wirksamkeit des Produktes gegenüber den konventionellen alkoholhaltigen Varianten, sowie seine Stabilität nach dem Öffnen gewährt bleiben, was in klinischen Studien nachgewiesen werden sollte.

Indikationsgebiete

Antibakterielle Wirkstoffe dienen der Unterstützung der (bei den meisten Menschen unzureichenden) mechanischen Mundhygiene. Dabei können sie zum einen in bestimmten Situationen – wenn eine Zahnreinigung mit Zahnbürste nicht möglich ist – die Mundhygiene ersetzen, zum anderen den Restbiofilm, der beim Zähneputzen nicht vollständig entfernt wurde, inaktivieren oder eine weitere Biofilmbildung hemmen. Antibakterielle Wirkstoffe erfüllen außerdem die Anforderung, in solche oro-pharyngealen Bereiche zu gelangen, die im Allgemeinen mit der Zahnbürste nicht bearbeitet oder erreicht werden.

Besonders bei Behinderten oder solchen Personen, bei denen die mechanische Zahnreinigung aus unterschiedlichen Gründen nicht optimal durchgeführt werden kann, sollten „chemische“ Maßnahmen ergriffen werden, um auf diese Weise den dentalen Erkrankungen Karies, Gingivitis und möglicherweise auch Parodontitis und Periimplantitis vorzubeugen. Die abgebildete Tabelle listet die verschiedenen Anwendungsgebiete systematisch auf.

Minimierung der Keimzahl im Aerosol

Ein wichtiges Indikationsgebiet für antibakterielle Spüllösungen wurde in den 2006 neugefassten Hygiene-Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) nochmals hervorgehoben. Das einminütige Spülen mit einer 0,2 %igen Chlorhexidinlösung vor jeglichen Eingriffen (aber insbesondere Prophylaxemaßnahmen, Extraktionen und auch Präparationen) reduziert Speichelbakterienzahlen signifikant und minimiert somit ein Infektionsrisiko für das Behandlerteam und den Patienten. Die RKI-Empfehlungen erwähnen zwar explizit Chlorhexidin, prinzipiell kann dies aber auch mit anderen antibakteriell wirksamen Substanzen durchgeführt werden, da die Substantivität hier keine so große Rolle spielt. Eine kurzfristige 99,9 %ige Reduktion von Speichelbakterien konnte auch für andere Mundspülprodukte nachgewiesen werden.

(Anm.: Tabelle als Grafik in der Fotostrecke)
Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Nicole Arweiler

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Nicole Arweiler



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