Parodontologie

intraligamentäre Anästhesie, Infiltrationsanästhesie, Leitungsanästhesie, Lokalanästhesie

Zahnerhaltende Behandlungen unter intraligamentärer Anästhesie Vergleich gängiger Methoden der zahnärztlichen Lokalanästhesie


Eine sichere und erfolgreiche Anästhesie vor zahnerhaltenden – konservierenden, restaurativen und auch endodontischen – Maßnahmen setzt die Anwendung adäquater Instrumentarien, die Applikation bewährter Anästhetika und die sichere Beherrschung der angewandten Lokalanästhesie-Methode voraus. Weltweit gelehrt und angewandt werden die Infiltrations- oder Terminalanästhesie und die Leitungsanästhesie des Nervus alveolaris inferior. Der medizintechnische Fortschritt der letzten 30 Jahre und die in dieser Zeit gewonnenen klinischen Erkenntnisse haben für eine dritte Lokalanästhesie-Methode ein breites Anwendungsfeld geschaffen: die intradesmodontale Injektion, auch intraligamentäre Anästhesie genannt.

 

 

 

 

Diese Möglichkeit der Einzelzahnanästhesie bietet den Vorteil, ohne ein Risiko von Nerv- und Gefäßläsionen, mit kleinen Mengen an Anästhetikum, praktisch ohne Latenz, eine tiefe, aber eng begrenzte Analgesie zu erreichen und sofort nach Ende der Injektion mit der Behandlung beginnen zu können [5]. Die Anwendung einer analgetisch suffizienten und gleichzeitig minimal belastenden sowie nebenwirkungsarmen intraoperativen Lokalanästhesie ist für den Patienten von größter Bedeutung [15]. Bei sicherer Beherrschung durch den Behandler, der Verwendung eines gut geeigneten Instrumentariums und der Applikation bewährter Anästhetika mit Adrenalin [12] stellt die intraligamentäre Anästhesie (ILA) eine nebenwirkungsarme und minimalinvasive Methode zur selektiven Schmerzausschaltung dar. Die Grundlagen der Einzelzahnanästhesie sind seit Anfang des letzten Jahrhunderts bekannt. Schon 1920 publiziert Chompret seine Erfahrungen mit der „Anästhésie par injections intraligamenteuses“, auf die Bourdin (1925) in seiner Dissertation zur ILA für Zahnextraktionen verweist. Dass diese Methode der Einzelzahnanästhesie jetzt anfängt, sich als primäre Methode der Schmerzausschaltung auch für zahnerhaltende und endodontische Maßnahmen zu positionieren, ist sicher von Nutzen sowohl für den behandelnden Zahnarzt als auch für den Patienten [3, 5, 18, 19, 39]. Die intraligamentäre Anästhesie (ILA) ist an allen Zähnen anwendbar, für fast alle Indikationen geeignet und kommt für ein breites Patientenspektrum in Betracht. Sie ist eine angenehme und stressreduzierte Methode der Schmerzausschaltung und hat praktisch nur eine Limitation: Länger dauernde und ausgedehnte dentoalveoläre chirurgische Eingriffe. Die Anforderungen für diese Anwendung kann sie wegen der eng begrenzten Ausbreitung des intraligamental injizierten Anästhetikums und der relativ kurzen Dauer der Anästhesie nicht erfüllen [11]. In ihrem Basisartikel zur Schmerzausschaltung vor Zahnextraktionen schreiben Kämmerer et al. (2010): Beachtet man die Invasivität und die bekannten Risiken der Nervstammblockade, so sollte die Leitungs- und auch die Infiltrationsanästhesie als „immerwährender Goldstandard“ überdacht werden [15].

Zahnerhaltende Maßnahmen unter Lokalanästhesie

Die Kooperationsbereitschaft des Patienten setzt eine sichere Schmerzausschaltung voraus, die auch die Basis für eine risikoarme und patientenfreundliche Behandlung ist. Ziel der Lokalanästhesie ist es, den zu behandelnden Zahn im Unter- oder Oberkiefer selektiv zu anästhesieren. Konventionell wird die Lokalanästhesie im Oberkiefer zumeist durch lokale Infiltration von Anästhetikum erreicht, wobei der Einstich vestibulär in Höhe des Zahnapex erfolgt. Der hier nur 1 bis 3 mm dicke Knochen ermöglicht eine Anästhetika- Diffusion in ausreichender Menge. Die terminalen Nervenendigungen werden durch das Anästhetikum desensibilisiert. Die Terminalanästhesie ist die am häufigsten angewandte Methode zahnärztlicher Lokalanästhesie. In Deutschland werden rund 35 Millionen Infiltrationsanästhesien pro Jahr durchgeführt (KZBV-Jahrbuch 2009). Im Unterkiefer-Seitenzahnbereich wird routinemäßig bei anstehenden, Schmerz verursachenden Behandlungen eine Leitungsblockade des Nervus alveolaris inferior und des Nervus lingualis durchgeführt, da die Knochenanatomie im Seitenzahnbereich keine ausreichende Diffusion des Anästhetikums zum gewünschten Wirkort ermöglicht.

Grenzen und unerwünschte Effekte von Infiltrations- und Leitungsanästhesie

Postoperative Bissverletzungen und Verbrennungen stehen ursächlich mit dem Anästhesieeffekt im Zusammenhang, der Weichgewebsanästhesie bei der Infiltrationsanästhesie und der Taubheit von Zunge, Lippe und Kinn der entsprechenden Kieferseite bei der Leitungsanästhesie. Generell ist die Dauer der Anästhesie oft unverhältnismäßig länger als die eigentliche zahnärztliche Behandlung. Bis zu Stunden können mastikatorische und artikulatorische Einschränkungen die Dispositionsfähigkeit des Patienten beeinträchtigen [4]. Kämmerer et al. (2010) fassen zusammen, dass eine Fehlerquote bei der Infiltrationsanästhesie von ca. 12 % angegeben wird. Bei der Leitungsanästhesie des Nervus alveolaris inferior wird von Fehlerquoten zwischen 15 und 30 % berichtet. Die Latenz- und damit Wartezeit zwischen Injektion und Anästhesieeintritt liegt bei 2 bis 5 Minuten – bis zum Ausbleiben der Anästhesie. Sowohl bei der Infiltrations- als auch bei der Leitungsanästhesie werden, verglichen mit der ILA, deutlich größere Mengen an Lokalanästhetikum verwendet. Methodenimmanente Komplikationen bei Leitungsanästhesien sind versehentliche intravaskuläre Injektionen, die trotz Aspiration in zwei Ebenen mit einer Häufigkeit von bis zu 20 % beschrieben werden, und der darauf folgenden Gefahr lokaler Komplikationen, wie der Hämatombildung. Schwenzer und Ehrenfeld (2000) weisen darauf hin, dass bei Patienten mit hämorrhagischer Diathese Leitungsanästhesien auf keinen Fall vorgenommen werden dürfen, da diese infolge massiver Hämatombildung lebensbedrohliche Folgen haben können [31].

Für den Zahnarzt nur schwer zu beherrschen sind die auf intravasale Injektionen folgenden akuten systemischen Komplikationen, besonders bei kardial eingeschränkten Risikopatienten [15, 33].

Forensische Relevanz der mangelnden Aufklärung bei Leitungsanästhesie

Der Patient muss – nach dem Stand der aktuellen Rechtsprechung – über methodenimmanente Komplikationen und Risiken, sowie über in Betracht kommende Alternativen aufgeklärt werden [1, 16, 34, 35]. Zwar braucht ein Arzt nicht ungefragt zu erläutern, welche verschiedenen Behandlungsmethoden in Betracht kommen, solange er eine Therapie anwendet, die dem Standard genügt. Stehen aber mehrere Wege zur Verfügung, die sich in ihren Belastungen, Risiken und Erfolgschancen wesentlich unterscheiden, muss er dem Patienten davon Mitteilung machen. Er darf seine Therapie nicht alternativlos im Raum stehen lassen. Vielmehr muss er dem Patienten eine reelle Wahlmöglichkeit eröffnen, damit dieser selbst prüfen kann, was in seiner persönlichen Situation sinnvoll ist und worauf er sich einlassen will [23]. Die Schmerzausschaltung vor einer zahnmedizinischen Behandlung ist als Teil der Behandlung anzusehen und entsprechend zu betrachten [16].

Aufgrund des mit der Leitungsanästhesie verbundenen Risikos einer transienten oder auch persistierenden Schädigung des Nervus alveolaris inferior und/oder des Nervus lingualis ist, bei vorhandener Alternative ILA, soweit diese anwendbar ist, eine Alternativaufklärung zu empfehlen. Schmerzensgeldansprüche aufgrund mangelnder Aufklärung von mit der Leitungsanästhesie einhergehenden Risiken werden immer häufiger geltend gemacht, wobei die Rechtssprechung aktuell zugunsten des Patienten ist [1, 34]. Das verdeutlicht die Notwendigkeit der Abwägung von Vor- und Nachteilen der möglichen Anästhesiemethoden und Einbeziehung des Patienten in die Entscheidung, mit dem Ziel der minimalsten psychischen sowie physischen Belastung des Patienten [15].

Die intraligamentäre Anästhesie (ILA)

Zur intraligamentären Anästhesie wird das Anästhetikum in den Desmodontalspalt injiziert – pro Wurzel eine Injektion (Abb. 1). Das Anästhetikum breitet sich dann intraossär aus und erreicht in etwa 30 Sekunden die Wurzelspitze. In dieser Zeit werden sowohl das den Zahn umgebende Weichgewebe und auch der Pulpanerv anästhesiert. Das sich intraossär ausbreitende Anästhetikum desensibilisiert i. d. R. auch die approximale Wurzel des Nachbarzahns [6, 10,11, 27, 36].

  • Abb. 1: Die intraligamentale Injektion. (Bild: Taubenheim/Westermann)
  • Abb. 2: Intraligamentale Injektion in situ. (Bild: Prothmann)
  • Abb. 1: Die intraligamentale Injektion. (Bild: Taubenheim/Westermann)
  • Abb. 2: Intraligamentale Injektion in situ. (Bild: Prothmann)

Zur Injektion in den Sulcus gingivalis sollten nur sehr feine Kanülen mit einem Außendurchmesser von 0,3 mm – alte englische Bezeichnung: 30 G(auge) – verwendet werden. Intraligamental ist die Injektionsnadel etwa 1 - 2, max. 3 mm in den Desmodontalspalt zwischen Zahn und Alveolarknochen einzuführen, bis ein fester Widerstand spürbar wird. Die Injektion des Anästhetikums – pro Wurzel etwa 0,2 ml – muss gegen den interstitiellen Widerstand des dichten Desmodontalgewebes (back pressure) erfolgen. Das Lokalanästhetikum wird sehr langsam – den individuellen anatomischen Gegebenheiten angepasst – in mindestens 20 Sekunden unter Druck an jeder Zahnwurzel des zu behandelnden Zahnes appliziert [20, 21] (Abb. 2).

Die anästhetische Wirkung beginnt – praktisch ohne Latenz – schon wenige Sekunden post injectionem und kann, mit einer großen interindividuellen Varianz, bis über 60 Minuten anhalten [17]. Die durchschnittliche Anästhesiedauer beträgt etwa 30 Minuten und ist somit für weitgehend alle zahnerhaltenden (konservierende, restaurative und auch endodontische) Maßnahmen ausreichend. Erforderlichenfalls kann die Anästhesiedauer durch Nachinjektionen verlängert werden. Die kurze Anästhesiedauer stellt einen nachhaltigen Vorteil für den Patienten dar, der nach sehr kurzer Zeit wieder über ein voll ausgeprägtes Empfindungsvermögen und eine uneingeschränkte Dispositionsfähigkeit verfügt [7, 40]. Die Ausbreitungswege des intraligamental injizierten Anästhetikums beschränken sich keinesfalls auf den desmodontalen Spalt, obwohl auch dieser passiert wird. Injektionslösungen treten sehr schnell über die Fensterungen der Lamina cribrosa in den vaskularisierten Alveolarknochen über. Die Lösungen erreichen in kurzer Zeit die Wurzelspitze [8, 9, 25, 32]. Die Anästhesie der Pulpa tritt zeitgleich ein [24]. Den Weg des Lokalanästhetikums nach intraligamentaler Injektion über die vaskularisierten Markräume des Alveolarknochens bestätigen auch Smith und Pashley (1983), Müller und Henne (1991) und Tagger et al. (1994) [22, 33, 37]. Der Anästhesieeffekt bei der ILA beruht hauptsächlich auf der intraossären Ausbreitung der Anästhetika.

Dass das intraligamental injizierte, sich intraossär ausbreitende Anästhetikum auch die approximale Wurzel des Nachbarzahns desensibilisiert, kann für die systematische Behandlung von Parodontopathien (geschlossenes Vorgehen) genutzt werden. Mit neun approximalen Injektionen von je 0,1 ml Anästhetikum mit Adrenalin war es möglich, einen ganzen Quadranten mit weniger als 1,0 ml 4 %-iger Articainhydrochloridlösung mit Adrenalin 1:100000 (Ultracain DS forte, Sanofi-Aventis, Frankfurt/Main) zu anästhesieren – ausreichend für das anschließende Scaling und Root planing [27].

Die intraligamentäre Anästhesie ist hinsichtlich der Ausbreitung des injizierten Anästhetikums der Terminalanästhesie vergleichbar. Aufgrund der geringen Menge an notwendigem Anästhetikum sind keine systemischen Komplikationen zu befürchten [29]. Das Risiko einer Nervläsion und eines Gefäßkontaktes ist bei der intraligamentären Anästhesie nicht gegeben, sodass die Thematisierung der Risiken mit dem Patienten minimiert werden kann. Entzündungen oder Infektionen an dem zu betäubenden Zahn können wegen des dadurch verursachten Abfalls des pH-Wertes zu einer Abschwächung der anästhetischen Wirkung und zu einer Keimverschleppung in das umliegende Gewebe führen [20, 30, 39]. Der pH-Wert des Gewebes beeinflusst die Diffusion des injizierten Anästhetikums in die Nervenfasern. Lokalanästhetika sind in der Regel auf einen niedrigen pHWert eingestellt; eine Diffusion (des Anästhetikums) in die Nervenfasern kann nur durch die undissoziierte (nicht in Ionen gespaltene) Base erfolgen. Der normalerweise leicht basische pH-Wert des Gewebes fällt durch Entzündung ab. Im entzündeten Gewebe liegt ein pH-Wert unterhalb des Neutralwertes vor (pH ? 6,0), wodurch das Gleichgewicht zwischen der protonierten und nicht-protonierten Form des Lokalanästhetikums nach der Seite des protonierten Anteils verschoben wird. Aufgrund des damit verbundenen geringeren Basenanteils wird die Diffusionsfähigkeit verringert und damit die Wirkung des Lokalanästhetikums abgeschwächt. Die Wirkung des Anästhetikums am Wirkort wird dadurch erschwert oder unmöglich [28].

Bei Patienten mit Endokarditisrisiko besteht eine berechtigte Einschränkung für die Anwendung der ILA, da auch ihre Durchführung zu vermehrtem Auftreten einer Bakteriämie führt, ähnlich Manipulationen am Zahnfleischsulkus wie Zahnextraktionen, Zahnsteinentfernungen, Parodontalkürettagen. Für Glockmann und Taubenheim stellt Endokarditisrisiko eine absolute Kontraindikation für die ILA dar [10, 11]. Nicht erfüllen kann die ILA die Anforderungen bei ausgedehnten dentoalveolären chirurgischen Eingriffen, sowie anderen Behandlungen, die von größerem räumlichem und zeitlichem Umfang sind.

Unerwünschte Effekte der intraligamentären Anästhesie

Zu schnelle intraligamentale Injektionen können zu Druckschmerz oder Elongationsgefühl nach Abklingen der Anästhesie führen. Die Ursache liegt oft darin, dass die Injektion der Anästhesie-Lösung nicht unter ausreichender Berücksichtigung der individuellen anatomischen Verhältnisse des Patienten erfolgte. Huber und Wilhelm-Höft (1988) haben in einer Studie gezeigt, dass Zähne in ihrer Alveole bewegt werden können [14]. Während der intraligamentalen Injektion wird ein Flüssigkeitsvolumen in einen Raum gepumpt, der bereits vollständig ausgefüllt ist. Da Flüssigkeiten inkompressibel sind, kommen primär nur eine Dehnung des Alveolarfaches oder eine Verlagerung des parodontalen Flüssigkeitspolsters nach Art eines hydraulischen Druckausgleiches in Betracht (was von den zahnumgebenden Nervenendigungen registriert wird).

Bei jeweils 150 Patienten mit vorgeschädigtem Parodontium (durchschnittliche Taschentiefe – ST – bei allen drei Anästhesiemethoden 3,4 mm) wurden vor den angezeigten zahnerhaltenden oder endodontischen Behandlungen die Schmerzausschaltungen entweder durch Infiltrations- oder Leitungsanästhesie oder alternativ durch intraligamentäre Anästhesie – in Abstimmung mit den Patienten – durchgeführt. Anlässlich eines Recalls innerhalb von zwei Wochen wurde bei allen dokumentierten Patienten der Parodontalzustand überprüft. In keinem Fall, weder bei den unter Leitungs- oder Iinfiltrationsanästhesie noch bei den unter ILA behandelten Patienten, wurden irreversible Gewebsveränderungen (Nekrosen) festgestellt [26].

Instrumentarien für die ILA

Die meisten ungewünschten Effekte der intraligamentären Anästhesie, z. B. Drucknekrosen und nach Abklingen der Anästhesie Vorkontakt, Druckschmerz oder ein Elongationsgefühl, werden auf die angewandten Instrumentarien zurückgeführt, speziell auf die Injektionssysteme, die die Injektionskraft des Behandlers über integrierte, mehrstufige Hebelsysteme verstärken. Prinzipiell können intraligamentale Injektionen mit allen Spritzensystemen für dentale Lokalanästhesien durchgeführt werden [38]. Um den erforderlichen Injektionsdruck leichter aufbauen zu können, wurden von unterschiedlichen Herstellern seit Ende der 1970er Jahre Spritzensysteme in Verkehr gebracht, bei denen die vom Behandler für die intraligamentale Injektion aufzubauende Kraft durch integrierte mehrstufige Hebelsysteme verstärkt wurde. Weitgehende Verbreitung fanden die Pistolenspritzen, z. B. vom Typ Peripress oder Ligmaject. Allerdings bewertete bereits 1983 die ADA (American Dental Association) diese Spritzen als nur bedingt geeignet für die intraligamentäre Anästhesie, da der Behandler dabei nur sehr begrenzt die Möglichkeit hat, die individuellen anatomischen Gegebenheiten des Patienten zu spüren und seinen Injektionsdruck entsprechend anzupassen.

Ähnliches gilt auch für die Dosierhebel-Spritzen, z. B. vom Typ Citoject oder Paroject, bei denen ein seitlich am Griff angebrachter Dosierflügel die Funktion des Auslösehebels übernimmt. Anstelle der bei den Pistolenspritzen üblichen 0,2 ml pro Abzug werden bei den Dosierhebel-Spritzen nur etwa 0,06 ml Anästhetikum pro Hub freigesetzt. Bei beiden Spritzensystemen wird die vom Anwender aufgebrachte Kraft durch ein integriertes mehrstufiges Hebelsystem verstärkt. Der natürliche Gewebswiderstand (Gegendruck) kann damit mehr oder weniger leicht überwunden werden. Der Behandler hat jedoch praktisch keine Möglichkeit, die individuellen anatomischen Gegebenheiten des Patienten zu spüren und seinen Injektionsdruck dem Gewebswiderstand entsprechend anzupassen oder ihn erforderlichenfalls gezielt wieder abzubauen. Zur besseren Kontrolle des aufgebauten Injektionsdrucks durch den applizierenden Zahnarzt wurde Anfang der 1990er Jahre eine Pistolenspritze mit einem integrierten Mechanismus der Druckbegrenzung eingeführt. Die Druckbegrenzung der aktuell angebotenen Systeme wird mit 120 N angegeben. Eine Druckbegrenzung (80 N) hat auch die Dosierhebelspritze Varioject INTRA (Pajunk GmbH, Geisingen), die im Jahre 2007 erstmalig vorgestellt wurde (Abb. 3).

  • Abb. 3: Varioject INTRA mit Druckbegrenzung (80 N).
  • Abb. 4: Dosierradspritze ohne integriertes Hebelsystem.
  • Abb. 3: Varioject INTRA mit Druckbegrenzung (80 N).
  • Abb. 4: Dosierradspritze ohne integriertes Hebelsystem.

Ohne ein mehrstufiges Hebelsystem wird die erforderliche Injektionskraft bei den Dosierrad-Spritzen aufgebaut beziehungsweise verstärkt. Der Druckaufbau erfolgt ohne zwischengelagerte Hebel über ein Dosierrad und gibt dem Behandler bei der Injektion die Möglichkeit, den Gegendruck des Gewebes direkt in seinem Daumen (oder Zeigefinger) zu spüren. Durch Drehen des Dosierrades von hinten nach vorn wird die vom Behandler aufgebaute Kraft auf die Zahn-Kolben-Stange übertragen (Abb. 4). Dabei werden 0,1 ml Anästhetikum appliziert. Um die angestrebten 0,2 ml pro Injektionspunkt zu erreichen, sind zwei Drehbewegungen des Dosierrades notwendig. Die Dosierradspritze SoftJect (Henke-Sass, Wolf GmbH, Tuttlingen) wurde vor etwa 10 Jahren eingeführt und gilt als das sensibelste mechanische Injektionssystem für intraligamentale Injektionen [40].

Neben den mechanischen Injektionssystemen zur manuellen Applikation von Anästhetikum stehen heute auch ausgereifte elektronisch gesteuerte Injektionshilfen für die intraligamentäre Einzelzahnanästhesie zur Verfügung. Bei der neuen Technologie des „computer-controlled local anesthetic delivery systems“ (CCLADS) wird die Injektionszeit dem gemessenen Gewebegegendruck des Desmodonts angepasst und das Anästhetikum sehr langsam in den Parodontalspalt appliziert.

  • Abb. 5: STA-System für elektronisch gesteuerte intraligamentale Injektionen.

  • Abb. 5: STA-System für elektronisch gesteuerte intraligamentale Injektionen.
Eingeführt wurde das Verfahren The Wand 1997, von Hochman weiterentwickelt und ist heute als STA-System = SingleTooth- Anesthesia-System [13] (Milestone Deutschland, Rödermark) auch in Deutschland verfügbar (Abb. 5).

Im Vergleich der manuellen ILA-Spritzensysteme mit der elektronisch gesteuerten STA-Injektion sind die Grundprinzipien der intraligamentalen Injektion, vor allem die Positionierung der Kanüle im Parodontalspalt, identisch. Die intraligamentäre STA-Technik weicht von dem klassischen Vorgehen ab, weil bei ihr eine dynamische Druckmessung in Echtzeit mit Feedback- Mechanismus erfolgt, um sowohl die exakte Kanülenpositionierung innerhalb des parodontalen Ligaments zu sichern als auch ein einwandfreies Funktionieren des Gerätes zu garantieren. Beim Single- ToothAnesthesia-Modus wird das Anästhetikum mit einer Geschwindigkeit von 0,005 ml/s appliziert, d. h. 0,2 ml in 40 Sekunden. Der dadurch aufgebaute Injektionsdruck ist so gering, dass ungewünschte Effekte, z. B. Drucknekrosen oder Elongationsgefühl nach Abklingen der Analgesie, ausgeschlossen werden können. Während der gesamten Injektionszeit erfolgt eine dynamische Druckmessung der Gewebedichte in Echtzeit (real-time dynamic pressure sensing = DPS) zur physikalischen Führung der Kanülenspitze in das intraligamentäre Zielgewebe.

Schlussfolgerung

Die Technik der ILA hat gegenüber den konventionellen Methoden der Lokalanästhesie signifikante Vorteile bei der Behandlung einzelner Zähne. Bei zeitlich ausgedehnten und großflächigen dentoalveolären operativen Eingriffen sollte weiterhin eine andere Anästhesiemethode gewählt werden. Zwischen Injektion und Beginn der therapeutisch relevanten Wirkung ist praktisch keine klinisch erfassbare Latenzzeit zu beobachten; der Anästhesieeintritt kann durch Sondenstich oder Kälte-Test festgestellt werden. Der Ablauf der Behandlung ist nicht unterbrochen. Die Anästhesie ist auf den betroffenen Zahn und auf umgebende Strukturen begrenzt und von kurzer Dauer. Nach Ende der Behandlung ist nicht mit Beeinträchtigungen durch Taubheit von Lippe, Zunge, Wange und Kiefer zu rechnen. Mittels Einzelzahnanästhesien können Zähne in verschiedenen Quadranten in derselben Sitzung behandelt werden. Eine Nachinjektion ist problemlos möglich, sollte ein Nachlassen der Wirkung beobachtet werden. Die Versagerquote der Methode der ILA ist geringer als die bei Leitungs- und auch Infiltrationsanästhesien [3, 26, 39]. Anästhesieversager der Infiltrations- und auch der Leitungsanästhesie können intraligamental komplettiert werden. Kritisch betrachtet ist die ILA den genannten konventionellen Methoden zumindest ebenbürtig. Besonders günstig ist sie bei Risikopatienten mit kardiovaskulären Erkrankungen sowie bei Patienten mit hämorrhagischer Diathese und unter Antikoagulatienbehandlung. Auch bei Kindern und behinderten Patienten bietet die ILA aufgrund geringerer Schmerzsensationen und einer kürzeren und lokalisierteren Anästhesiedauer Vorteile [2, 7, 15]. Sollten Patienten subjektiv nur bei deutlichem Taubheitsgefühl das Gefühl vollständiger Schmerzfreiheit haben, ist eine Infiltrations- oder Leitungsanästhesie indiziert [7, 40].

Die intraligamentäre Anästhesie ist eine moderne, minimalinvasive und zeitsparende Anästhesiemethode, die ein hohes Maß an Komfort für Patient und Behandler bietet, und überall, wo sie einsetzbar ist, einen stressfreien Eingriff und schnelle uneingeschränkte Teilnahme am aktiven Leben ermöglicht [15]. Bei Anwendung der intraligamentären Anästhesie als primäre Methode der Lokalanästhesie haben Anwender und Patient einen deutlichen Nutzen im Vergleich mit den konventionellen Lokalanästhesie-Methoden Infiltrations- und Leitungsanästhesie. 


Kontaktdaten

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Eike Glockmann - Lothar Taubenheim

Bilder soweit nicht anders deklariert: Prof. Dr. Eike Glockmann , Lothar Taubenheim


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