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AnyRidge ? ein weiteres Implantatsystem oder eine andere Philosophie? Geeignet für Profis oder Einsteiger?

Derzeit befinden sich über 230 Implantatsysteme auf dem Markt und im zahnärztlichen Einsatz. Jedes hat seine Anhänger gefunden. Doch was macht ein System aus und wieso entscheide ich mich als Behandler für ein bestimmtes Implantatsystem? Wieso soll ich mich bei den bestehenden Routinen und Abläufen, die man sich über Jahre angeeignet hat und die man mit dem Zahntechniker abgestimmt hat, gewohnten Service und Ansprechpartnern für etwas Neues entscheiden?

Die Technik entwickelt sich rasant weiter und verspricht ständig Produktinnovationen, die auch Indikationsspielräume eröffnen, die bisher aufgrund technischer Limitationen verschlossen blieben. Zahnärzte sind ständig mit einer Vielzahl an Systemen, Materialien und Techniken konfrontiert und sollen für ihre praxisspezifische Klientel die beste Wahl treffen. Sie sollen sich so orientieren, dass sie Handlungsspielraum und Therapiesicherheit haben.

Die Berlin-Klinik ist eine Klinik für MKG-Chirurgie/Plastische Operationen und eine Zahnklinik für Oralchirurgie/Implantologie. Bei uns stellen sich Patienten mit regulären Therapiesituationen aus der Region vor, aber auch internationale Patienten mit komplexem klinischem und anatomischem Behandlungsbedarf. Wir versorgen die komplexesten und umfangreichsten oralchirurgischen Fälle und inserieren und versorgen regelmäßig mit der umfangreichsten Implantatprothetik, die möglich ist. Wir operieren im Team auch weit über 10 Stunden in Vollnarkose, um den Patienten unsere Therapieversprechen von der kompromisslos biologischen Zahnmedizin oder zumindest vollständig metallfreien Sanierung und anatomisch funktioneller Rehabilitation einzulösen. Regelmäßig müssen wir Hartgewebe rekonstruieren, um eine günstige Ausgangslage zur Implantation zu verschaffen. Wir arbeiten alloplastisch oder mit autologen Transplantaten.

Der Niedergelassene sagt nun: „Na, was soll ich davon in meiner täglichen Praxis umsetzen?“ Aber: „Wenn das bei dem Schermer in der Berlin-Klinik mit den wirklich unangenehmen Ausgangslagen funktioniert, dann funktioniert es bei mir ja sicher auch!“ Und genau so habe ich vor Jahren tausenden zahnärztlichen Kollegen unsere alloplastischen Rekonstruktionen gezeigt, als wir von manchen Universitätsprofessoren noch belächelt wurden. Diese schwenkten dann aber nach der Einführung der Fallpauschalen ebenfalls von der autologen Entnahme und einer Woche stationär auf die schnelle Entlassung zu Alloplastik um. Ich habe nie meine Meinung zur Alloplastik und zur Sofortimplantation verändert, aber die früher kritisch beäugte Art der Defektrekonstruktion und zugehörige OP-Technik einer Sofortimplantation haben sich letztlich europa- und weltweit durchgesetzt.

Prüfsteine eines Implantatsystems

Um mit hoher Erfolgsrate und voraussagbaren Ergebnissen zu behandeln, ist das Implantatsystem wichtig.

  • Wir brauchen zwingend Implantate, die auch im ungünstigen, kompromittierten oder rekonstruierten Knochen funktionieren.
  • Zweiter Prüfstein ist die Option der Sofortimplantation, ebenfalls im ungünstigen, kompromittierten oder rekonstruierten Knochen.
  • Dritter Prüfstein wäre die Qualität und Verfügbarkeit des Systems inclusive Kundendienst.
  • Vierter Prüfstein sind die prothetischen Optionen und ob volldigitaler Einsatz, inclusive Frässoftware, Scanneroptimierung und individuellen Zirkonelementen für unseren Zahntechniker und für metallfreie Vollzirkon-Prothetik vorhanden sind.

Wir bekommen oft Fälle mit Defektdurchmessern von 6 bis 10 mm krestal. Diese resultieren regelmäßig aus schlecht verheilten Extraktionen, Molaren-Extraktionen oder Z.n. Ausfräsungen von Implantaten oder Periimplantitis. Solche Defekte erschweren oder verhindern eine Sofortimplantation. Mit unseren bisher verwendeten Systemen konnten wir Defekte um 6 mm nur versorgen, wenn man tiefer bohren konnte und damit primärstabil inserieren. Das ist allerdings im distalen Unter- oder Oberkiefer eher selten der Fall.

Erste Begegnung mit MegaGen

Als ein befreundeter Zahnarzt mir erzählte, dass er ein neues Implantat (Abb. 1) hat, das er mir zeigen möchte, habe ich direkt abgewinkt und ihn gebeten mich damit doch in Ruhe zu lassen. Wir haben einmal pro Woche einen Implantatvertreter an der Rezeption, der uns ein neues System vorstellen will und dem wir eine Absage erteilen, weil wir unsere eingespielten Prozesse und Routinen haben und diese ungern verändern wollen. Durch den Kollegen ermutigt, schaute ich mir das Implantat dennoch an und war offen gesprochen sehr positiv überrascht. Eine solche Form hatte ich noch nicht gesehen: Es sah aus wie ein Weltraumkaktus (Abb. 2).

  • Abb. 1: In skizzenhafter Darstellung werden die Vorteile von MegaGen AnyRidge dargestellt.
  • Abb. 2: AnyRidge ? das etwas andere Implantatsystem.
  • Abb. 1: In skizzenhafter Darstellung werden die Vorteile von MegaGen AnyRidge dargestellt.
  • Abb. 2: AnyRidge ? das etwas andere Implantatsystem.

Bei näherem Hinsehen hochinteressant. Als er weg war habe ich ? um den Support zu testen ? im Nachtdienst eine E-Mail an den Hersteller geschrieben. Und ich bekam tatsächlich am folgenden Tag eine persönliche Antwort, die mich wirklich überraschte. Kein Gefasel eines Studenten aus einem Callcenter, sondern eine qualifizierte Antwort einer Firma, die Service versteht und sich in den Behandler hineinversetzen kann. Der Service hat sich bisher als familiär und nachhaltig dargestellt.

Klinische Erfahrungen

Nach nun mehrfachem klinischen Einsatz in Defekten von fast 10 mm (Abb. 3) im wirklich ungünstigen D4-Kieferkamm und auch als Spätimplantat in der Normalsituation kann ich sagen: Meine drei chirurgischen Prüfsteine wurden mehrheitlich positiv erfüllt. Der vierte prothetische Prüfstein wurde von unserer prothetischen Abteilung und dem leitenden Zahntechnikermeister unseres Fräszentrums vollständig bestätigt. Mit dem AnyRidge Implantat haben wir ein Implantatsystem, das mit seiner speziellen Form und Oberfläche gerade für rekonstruierte und kompromittierte Fälle anderen Systemen weit überlegen ist.

  • Abb. 3: AnyRidge für die Sofortimplantation.
  • Abb. 4: Gewöhnliches Implantat (links) im Vergleich zu AnyRidge (rechts): deutlicher Unterschied in der Oberflächengröße durch das Gewindedesign.
  • Abb. 3: AnyRidge für die Sofortimplantation.
  • Abb. 4: Gewöhnliches Implantat (links) im Vergleich zu AnyRidge (rechts): deutlicher Unterschied in der Oberflächengröße durch das Gewindedesign.

AnyRidge eignet sich durch den massiv ansteigenden Gewindedurchmesser (Abb. 4) sowohl für extrem harten Knochen als auch für spongiosareichen Knochen mit einer dünnen Kortikalis. Je nach Knochenqualität wählt man ein sehr graziles Gewinde, bei dem Implantatkörper entsprechender Bohrung für D1 bis zum massiven Weltraumkaktus bei deutlich untermassiger Bohrung für D4. Es gibt nur drei Kerndurchmesser des Implantates: 2,8, 3,3 und 4,8 mm. Alle anderen Durchmesser werden über die ansteigenden Gewindeweiten erreicht. Somit gibt es die Implantate im Durchmesser von 3,5 bis 8,0 mm und Längen von 7,0 bis 15,0 mm.

Hochwertige Verarbeitung

  • Abb. 5: Chirurgiebox mit Bohrstopps.

  • Abb. 5: Chirurgiebox mit Bohrstopps.
Wir verwenden in der Berlin-Klinik unterschiedliche Implantatsysteme von Alpha Biotec, Straumann, Nobel Biocare und nun MegaGen. Je nach Bedarf und Patientenwunsch, aber hauptsächlich orientiert an den durch die Anatomie und die tatsächliche Knochenqualität vorgegebenen Notwendigkeiten, entscheiden wir oft erst intraoperativ. Ein direkter Vergleich als Anwender bringt interessante Ergebnisse. Während bei dem einen oder anderen System teilweise Implantate von der Eindrehhilfe abfallen oder andere Passteile unzureichend präzise gefertigt sind, finde ich bei MegaGen hochwertig verarbeitete Werkzeuge mit sehr sauber verarbeiteten Oberflächen und sehr guten Passungen vor. Es ist mir in der Tat eine Eindrehhilfe mit aufgesetzter Verschlussschraube im OP aus der Hand gefallen und – man glaubt es kaum – die Schraube war noch immer am heruntergefallenen Instrument, das auf dem Boden des OPs lag. Dabei handelt es sich hier nicht um ein Klemmen im Sinne einer zu engen Passung oder Presspassung, sondern im Sinne einer sauber durchdachten Werkzeugmachertechnik mit präzisen und funktionellen Kontaktflächen. Wermutstropfen der Bauart ist aus meiner Sicht die zu gering dimensionierte Einstecktiefe der Einschraubhilfe im Implantat. Hier kann es bei forciertem Einschrauben gerade der weiten Gewinde schon auch zum Abrutschen kommen. Ich bin sicher, dass dies zukünftig optimiert wird.

Verglichen mit den Chirurgie-Boxen, die uns andere Hersteller zur Verfügung stellen, gibt es bei der Chirurgiebox von MegaGen zwei Varianten: mit und ohne Bohrstopps (Abb. 5). Für unseren Geschmack sind diese eher zu vielfältig bestückt und für heavy User sollte noch eine robustere Alternative geschaffen werden. Aktuell arbeitet MegaGen somit auch an einem Waschkit / Stahlkassette, dass diesen Ansprüchen genügen soll.

Durchdachtes System – nicht nur für den versierten Praktiker

MegaGen bietet für D1 bis D4 Knochen vollständige modifizierbare Bohrprotokolle mit jeweils unterschiedlichen Varianten an. Extrem ausführlich und sehr übersichtlich. Eine Explantation oder den Versuch dessen hat der Hersteller bedacht und dafür extra Werkzeuge bereitgestellt. Den Fall der Notwendigkeit hatten wir nun bisher noch nicht, aber ich habe gerade im Bereich der massiv extendierten Gewinde (Abb. 4) schon mit Sorge daran gedacht.

Auf den ersten Blick scheint das System für den Spezialisten zu sein, was sich auf den zweiten Blick aber relativiert. Es ermöglicht die Nutzung in besonderen Indikationen, z. B. im Bereich der Kieferhöhle, des massiv reduzierten Unterkiefers, der schlechten Knochenqualität und der Defekt-Sofortimplantation. AnyRidge bietet zusätzliche Sofortimplantations-Optionen und ein hohes Maß an Unabhängigkeit gegenüber der Knochenqualität. Egal ob D2, D3 oder D4, alle Versorgungen sind für den versierten, chirurgisch ambitionierten Zahnarzt möglich.

Zudem eignet es sich auch für den nicht routiniert praktizierenden Zahnarzt und Einsteiger. Kleinere Fehlberechnungen, welche eine Bohrung in Tiefe, Durchmesser oder Neigung nicht perfekt machen oder Falscheinschätzungen des Knochens werden vom AnyRidge System geschluckt und können intraoperativ leicht korrigiert werden. Ich empfehle dem Einsteiger zu Beginn die Implantate der kleineren Gewindeweiten zu setzen, um ein Gefühl für das hochmoderne und etwas von den europäischen Standards der Bemaßung abweichende Implantatsystem zu bekommen.

Die Implantate sind faszinierend griffig und es macht wirklich Spaß damit zu arbeiten. AnyRidge von MegaGen bietet durch sein neuartiges Design schlussendlich für den Patienten die größten Vorteile. In Standardfällen, aber auch in der Nutzung für eine Sofortimplantation sowie in Grenzregionen der Chirurgie lassen sich bestmögliche Behandlungsergebnisse erzielen.

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Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Dr. Stefan Wolf Schermer - Dr. Sabina Kumalic


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