Implantatprothetik

festsitzender Zahnersatz, Sofortimplantation, zahnloser Oberkiefer

Festsitzende prothetische Versorgung des zahnlosen Oberkiefers nach Sofortimplantation unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte


Die Versorgung mit Zahnimplantaten hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in der Privatpraxis durchgesetzt und gilt als zuverlässige Therapie zum Ersatz einzelner oder mehrerer fehlender Zähne [1, 2]. Die Akzeptanz der Patienten gilt als allgemein bestätigt. So kann der zahnlose Oberkiefer in verschiedensten Varianten versorgt werden, um die kaufunktionale Rehabilitation zu erreichen. Die Planung kann von festsitzendem Zahnersatz auf vier Implantaten, beschrieben als „All on four Konzept“[3] über herausnehmbare Konstruktionen mit Teleskopen, Stegen oder Lokatoren bis hin zu festen prothetischen Lösungen auf sechs (mit vornehmlich verkürzter Zahnreihe) über acht oder mehr Implantaten erfolgen [4].

Ein Aspekt, der neben der medizinisch-funktionalen und ästhetischen Seite eine Gewichtung in der alltäglichen Praxis findet, ist die Wirtschaftlichkeit. So sollte im alltäglichen Ablauf der funktional-ästhetische Patientenwunsch in Einklang mit der wirtschaftlichen Situation des Einzelnen gebracht werden. Im folgenden Fall soll beispielhaft die Kombination aus dem Wunsch nach Lebensqualität durch festen Zahnersatz und Anpassung der Planung an die wirtschaftlichen Umstände dargestellt werden.

Falldarstellung

Eine 51-jährige Patientin mit chronischer Parodontitis und insuffizient sitzendem, herausnehmbarem Interimsersatz wurde in unserer Praxis vorstellig (Abb. 1).

Nach röntgenologischer (Abb. 2) und klinischer Untersuchung stellte sich heraus, dass der verbliebene Restzahnbestand im Oberkiefer für eine prothetische Versorgung langfristig nicht geeignet ist (Abb. 3). Nach Aufklärung und Besprechung mit der Patientin – es wurde hier auf festen Zahnersatz und dennoch eine akzeptable wirtschaftliche Lösung Wert gelegt – sind wir übereingekommen, eine verkürzte zirkuläre Brücke mit NEM-Basis auf sechs Implantaten zu planen. Der Wunsch nach minimal-invasivem chirurgischem Vorgehen sollte bei der Planung Berücksichtigung finden. Die OP-Planung sah eine simultane Zahnentfernung mit sofortiger Implantation von sechs Straumann Roxolid BoneLevel Implantaten vor (Abb. 6). In regio 15 wurde aufgrund des verringerten vertikalen Knochenangebotes eine interne Sinusbodenelevation in die Planung miteinbezogen (Abb. 4).

  • Abb. 1: Klinische Ausgangssituation.
  • Abb. 2: Röntgenologische Ausgangssituation.
  • Abb. 1: Klinische Ausgangssituation.
  • Abb. 2: Röntgenologische Ausgangssituation.

  • Abb. 3: Der Restzahnbestand im Oberkiefer ist ungenügend.
  • Abb. 4: Das geringe vertikale Knochenangebot machte eine interne Sinusbodenelevation notwendig
  • Abb. 3: Der Restzahnbestand im Oberkiefer ist ungenügend.
  • Abb. 4: Das geringe vertikale Knochenangebot machte eine interne Sinusbodenelevation notwendig

  • Abb. 5: Die Schnittführung erfolgte auf der Kieferkamm-Mitte mit distalen Entlastungen.
  • Abb. 5: Die Schnittführung erfolgte auf der Kieferkamm-Mitte mit distalen Entlastungen.

Chirurgische Phase

Nach schonender Entfernung des Restzahnbestandes erfolgte eine auf der Kieferkamm-Mitte gelegene Schnittführung mit distalen Entlastungen (Abb. 5). Im Bereich der Interdentalpapille wurde darauf geachtet, die Schnittführung triangulär nach vestibulär zu gestalten, um eine unnötige Blutung aus dem gut versorgten Gebiet der Papille [5] zu vermeiden (Abb. 5).

Nach Darstellung des Kieferkammes und der Extraktionsalveolen erfolgte im nächsten Schritt die interne Sinusbodenelevation (Abb. 4). Bei dieser minimal-invasiven Technik werden in röntgenologischen Kontrolluntersuchungen kaum Veränderungen des Bereiches rund um die Implantatspitze beobachtet, sofern kein künstliches Knochenersatzmaterial zusätzlich verwendet wurde [6]. Wie oben beschrieben sind in diesem Beispiel Implantate der Firma Straumann (Roxolid, BoneLevel), verwendet worden (Abb. 6). Insbesondere durch den abgerundeten Bereich der Implantatspitze schien dieses System für die Implantation mit interner Sinusbodenelevation vorteilhaft zu sein. Weiterhin wird der Materialeigenschaft des Roxolid Implantates eine erhöhte Osseointegration zugesprochen [8-10].

  • Abb. 6: Sechs Straumann Roxolid BoneLevel Implantate wurden inseriert.
  • Abb. 7: Insertion eines Implantats.
  • Abb. 6: Sechs Straumann Roxolid BoneLevel Implantate wurden inseriert.
  • Abb. 7: Insertion eines Implantats.

  • Abb. 8: Postoperative Röntgenkontrolle.
  • Abb. 8: Postoperative Röntgenkontrolle.

Nach Insertion (unter Zuhilfenahme der Straumann Loximverbindung) (Abb. 7) aller sechs Implantate folgte der Wundverschluss mit Einzelknopf und fortlaufenden Nähten (Silon monofi l 5.0, Chirmax GmbH). Die postoperative Röntgenkontrolle ergab keine Auffälligkeiten (Abb. 8).

Nach vier Monaten Einheilphase folgte die Implantatfreilegung. Gesichert durch die röntgenologische Untersuchung (Abb. 10) erfolgte eine minimal-invasive Schnittführung im Bereich der Implantatpositionen. Die Wundheilung gestaltete sich komplikationslos. Die einzige Auffälligkeit zeigte sich im distalen Bereich des Gaumens und stellte sich als Schleimhautreizung durch die als Interimsersatz getragene Vollprothese dar (Abb. 9).

  • Abb. 9: Schleimhautreizung durch die als Interimsersatz getragene Vollprothese.
  • Abb. 10: Röntgenologische Untersuchung 4 Monate nach Insertion.
  • Abb. 9: Schleimhautreizung durch die als Interimsersatz getragene Vollprothese.
  • Abb. 10: Röntgenologische Untersuchung 4 Monate nach Insertion.

Prothetische Phase

Die Implantatabformung wurde mit einem individualisierten Löffel aus lichthärtendem Kunststoff (Finotray LC, Fino GmbH) und Polyethermaterial in einzeitiger und zweiphasiger Doppelmischtechnik (Impregum, 3M Espe, Seefeld) vorgenommen. Nach Absprache mit unserem Zahntechniker und einem Fremdlabor (Christian Rothe) für die virtuelle Gerüstmodellation und deren Fräsung (Abb. 11 bis 13) bestätigte sich die Planung und entsprechende Umsetzbarkeit. Es wurde eine zirkuläre Brücke mit NEM-Basis und keramischer Vollverblendung gestaltet.

  • Abb. 11 und 12: Virtuelle Gerüstmodellation.
  • Abb. 13: Es wurde eine zirkuläre Brücke mit NEM-Basis und keramischer Vollverblendung geplant.
  • Abb. 11 und 12: Virtuelle Gerüstmodellation.
  • Abb. 13: Es wurde eine zirkuläre Brücke mit NEM-Basis und keramischer Vollverblendung geplant.

Nach Gerüstanprobe und Kontrolle auf Spannungsfreiheit, Schleimhautsituation und nochmaliger Kieferrelationsbestimmung konnte die zirkuläre Brücke auf teils konfektionierten, teils individuell modellierten Abutments, welche mit lichthärtendem Kunststoffmaterial (Clip F, VOCO) verschlossen wurden (Abb. 14), mit semi-temporärem Zementmaterial (ImProv Implantat Zement) eingesetzt werden (Abb. 15).

  • Abb. 14: Die teils konfektionierten, teils individuell modellierten Abutments.
  • Abb. 15: Die Brücke wurde mit semi-temporärem Zementmaterial eingesetzt.
  • Abb. 14: Die teils konfektionierten, teils individuell modellierten Abutments.
  • Abb. 15: Die Brücke wurde mit semi-temporärem Zementmaterial eingesetzt.

  • Abb. 16: Die Okklusionsprüfung ergab keine Auffälligkeiten.
  • Abb. 17: Die Patientin hatte unmittelbar ein sicheres und gutes Gefühl.
  • Abb. 16: Die Okklusionsprüfung ergab keine Auffälligkeiten.
  • Abb. 17: Die Patientin hatte unmittelbar ein sicheres und gutes Gefühl.

  • Abb. 18: Die zufriedene Patientin.
  • Abb. 18: Die zufriedene Patientin.

Mit der Patientin zusammen wurde die Ästhetik und Funktion geprüft. Die Okklusionsprüfung gestaltete sich als störungsfrei, die Patientin hatte unmittelbar ein sicheres und gutes Gefühl von „eigenen Zähnen“ (Abb. 16 bis 18).

Schlussfolgerung

Ist der Patient gut aufgeklärt und hat seine eigenen Vorstellungen von Funktion, Ästhetik und auch der zulässigen Wirtschaftlichkeit klar definiert, so ist es gut möglich für alle Beteiligten ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erreichen.

In dem hier vorgestellten Fallbeispiel wurde von Beginn an von der Patientin selbst klar gemacht, dass es sich um festsitzenden Zahnersatz handeln soll mit der weiteren Vorgabe, eine „kostengünstige Variante“ zu planen.

Die Vorgabe des festsitzenden Zahnersatzes konnte durch den Vorschlag sechs Implantate zu inserieren umgesetzt werden. Im Oberkiefer wären laut Empfehlung der Konsensuskonferenz Implantologie [7] acht Implantate für festen Zahnersatz zu setzen. Die dadurch erhöhten Gesamtkosten (eine beidseitige externe Sinusbodenelevation wäre notwendig gewesen) stellten allerdings in diesem Fall eine Einschränkung dar. Deshalb haben wir uns für die sechs Implantate mit verkürzter Zahnreihe entschieden. Da im Gegenbiß der Zahn 37 nicht erhaltungswürdig und der Anhänger regio 47 ohnehin aus prothetischer Sicht insuffizient war (Sattelgestaltung mit starker Reizung der Schleimhaut basal des Anhängers) (Abb. 2) fiel diese Entscheidung zu Gunsten der verkürzten Zahnreihe mit sechs Straumann Roxolid Implantaten.

Bei Besprechung der möglichen Materialien ist aus oben genannten Gründen die Wahl auf das kostengünstigere Nichtedelmetall gefallen.

Alternativ wäre es aus interdentalhygienischen und funktionalen Gründen möglich gewesen, die Implantatanzahl zu erhöhen und die Materialitäten zu Gunsten beispielsweise einer vollkeramischen Versorgung (Abutments, Gerüste) zu wählen.


VERWENDETE MATERIALIEN / LITERATUR

Implantatsystem
Roxolid BoneLevel (Straumann, Freiburg)

Nahtmaterial
Silon monofil 5.0 (Chirmax, Ratingen)

Abformung
Finotray LC (Fino, Bad Bocklet)

Abformmaterial
Impregum (3M Espe, Seefeld)

Temporäres Füllungsmaterial
Clip F (VOCO, Cuxhaven)

Implantat Zement
ImProv (Dentegris, Duisburg)

 

 

LITERATUR
DENT IMPLANTOL (18)7 2014, S. 524-529
Dr. Markus Lietzau


Festsitzende prothetische Versorgung des zahnlosen Oberkiefers nach Sofortimplantation unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte


[1]        Sulzer et al; 2004 („Aktuelles Indikationsspektrum in der oralen Implantologie“) an einer Überweisungsklinik
[2]        Schwartz, Terheyden; 2011 („Stellenwert oraler Implantate im Rahmen der Gesundheitsversorgung“)
[3]        Al-Nawas; 2014 („MKG- Update 2014“)
[4]        Freesmeyer; 1999 („Klinische Prothetik“)
[5]        Smandari, Mai; 1995 („Funktionelle Anantomie“)
[6]        Tetsch, 2006; („Langzeitergebnisse dentaler Implantationen nach Sinusbodenelevationen“)
[7]        Terheyden et al, 2010; („Bericht über die erste Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Implantologie eV, Aerzen, Deutschland, 29. und 30. September 2010)
[8]       
Gottlow J, Dard M, Kjellson F, Obrecht M, Sennerby L. Evaluation of a new titanium-zirconium dental implant: a biomechanical and histological comparative study in the mini pig. Journal of Clinical Implant Dentistry and Related Research 2012; 14: 538–545.
[9]        Bo Wen et al. The osseointegration behavior of titanium-zirconium implants in ovariectomized rabbits. Clin Oral Implants Res. 2013 Feb 21.
[10]      Barter S, Stone P, Brägger U.: A pilot study to evaluate the success and survival rate of titanium-zirconiumimplants in partially edentulous patients: results after 24 months of follow-up. Clin Oral Implants Res. 2012 Jul;23(7):873–81.

 

 

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Markus Lietzau

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Markus Lietzau



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