Implantatprothetik

Erhöhter Patientenkomfort durch Locator-Attachment

Höhere Lebensqualität durch vereinfachte Behandlungen


Viele ältere Patienten wünschen sich festsitzenden Zahnersatz. Damit ist nicht immer eine fest zementierte, kostenintensive Brückenkonstruktion gemeint, sondern einfach der Wunsch, dass die bereits vorhandene Voll- oder Teilprothese mit Hilfe von Implantaten fest auf dem Kiefer verankert wird, aber als herausnehmbare Prothese bestehen bleibt. Solche Versorgungen sind wesentlich kostengünstiger als zementierte oder verschraubte Brückenkonstruktionen.

Ein System, welches die gewünschte „Einfachheit“ tatsächlich bietet, sind die selbstausrichtenden Zahnersatz-Attachmentsysteme (Locator), die von verschiedenen Implantatherstellern inzwischen angeboten werden und den Vorteil bieten, dass sie mit unterschiedlichen Einsätzen versehen werden können, die jeweils eine vordefinierte Abzugskraft aufweisen. Das bei Zahnärzten und Patienten gleichermaßen beliebte Attachmentsystem ermöglicht damit eine direkte Anpassung an die gewünschten Haltekräfte. Ein wesentlicher Vorteil der Locator-Matrizen ist der geringe Platzbedarf, bedingt durch die geringe Bauhöhe von nur 2 mm, die vergoldete hochbiokompatible Oberfläche, sowie die Möglichkeiten zum Divergenzausgleich bis zu 40°. In einer erst kürzlich durchgeführten Studie [1] wurden die selbst ausrichtenden Locator-Attachments mit traditionellen Kugel-Attachments verglichen. Gesundheitsbezogene Lebensqualität wurde bewertet, mit eindeutigem Ergebnis: Unter den Probanden mit einem unterdurchschnittlichen Attachment-Raum, funktionaler Einschränkung, psychologischen Beschwerden, einer körperlichen sowie psychischen Behinderung, waren die Wertungen für das Locator-System signifikant besser. Nach drei Monaten wechselten alle Probanden über zu diesem Attachmenttyp.

Die Firma Implant Direct Sybron (CH-Zürich) hat seit ihrem Bestehen die Implantologen mit kostengünstigen Locator-Attachments für verschiedene Implantattypen versorgt. Zu den bisher angebotenen zweiteiligen Systemen gibt es einteilige Locator-Implantate. Im System GoDirect® werden die typischen Vorteile einteiliger Implantate realisiert:

  • hervorragende Stabilität durch Festkörpereigenschaft,
  • keine Implantatschrauben mit der Gefahr der Lockerung oder des Bruches,
  • kein Mikrospalt, keine bakterielle Besiedlung,
  • geringe Mukositis- und Periimplantitisgefahr,
  • extrem einfache prothetische Umsetzung, auch ohne Abdruck,
  • wenig Zubehörteile, einfache prothetische Konzepte,
  • geringe Material- und Laborkosten.

Das Implantat gibt es in den Durchmessern 3,0 / 3,7 / 4,7 mm. Mit dem 3,0 mm Durchmesser ist ein Ersatz der einteiligen, so genannten Kugelkopf-Mini-Implantate möglich; zugunsten eines, wie die oben genannte Studie aufzeigte, erhöhten Patientenkomforts.

Mit Hilfe 3D-Planung und Navigation können die Implantate nahezu unblutig sicher und vorhersehbar inseriert werden und somit Sofortversorgung und Sofortbelastung mit herausnehmbarem Zahnersatz unmittelbar im Anschluss an die Implantation ermöglicht werden. Zahnarzt und Patient werden mögliche Komplikationen, Zeit und Kosten erspart, bei erhöhtem Komfort und bester Hygienefähigkeit (im Vergleich zu Stegkonstruktionen). Eine prothetische Plattform mit mehreren Implantatdurchmessern gewährleistet schnelle und praktikable Versorgung auch bei Divergenz der Implantate.

Fallbeschreibungen

Wir verwenden die Implantate sowohl im Ober- als auch Unterkiefer zahnloser oder teilbezahnter Kiefer. Entsprechend den Empfehlungen der Fachgesellschaft werden dafür im Oberkiefer sechs Implantate benötigt und im Unterkiefer vier. Im klinischen Alltag hat sich aber auch gezeigt, dass die Verwendung von vier Implantaten im Oberkiefer mit zusätzlicher Gaumenabstützung oder zwei Implantaten im Unterkiefer eine stabile dauerhafte Versorgung für den Patienten mit deutlicher Lebensqualitäterhöhung bedeutet.

Fall 1: Einbau in vorherige Prothese

Beim ersten Beispiel handelt sich um eine 68-jährige Patientin, die vor wenigen Wochen eine Unterkiefervollprothese alio loco eingesetzt bekam, nach Entfernung einer Teilbezahnung. Trotz zahlreicher Nachbesserungen war die Patientin mit dem Prothesenhalt nicht zufrieden und suchte deshalb nach einer kostengünstigen Verankerung der Prothese auf ihrem stark atrophierten Unterkiefer. Nach DVT-Erstellung mit eingesetzter Röntgenschablone mit mehreren Titanhülsen, konnte für die interforaminäre Region ein ausreichendes Knochenangebot diagnostiziert werden. Auf eine virtuelle Implantation und die Erstellung einer Navigationsschablone konnte verzichtet werden und trotzdem eine transgingivale Insertion von vier Implantaten im interforaminären Bereich des Unterkiefers nahezu unblutig vorgenommen werden (Abb. 1).

  • Abb. 1: Insertion der GoDirect®-Implantate.
  • Abb. 2: Schwarzer Einbringschlüssel zum Erreichen eines hohen Drehmoments.
  • Abb. 1: Insertion der GoDirect®-Implantate.
  • Abb. 2: Schwarzer Einbringschlüssel zum Erreichen eines hohen Drehmoments.

  • Abb. 3: Transgingivale, minimalinvasive Insertion möglich durch DVT-Aufnahme.
  • Abb. 3: Transgingivale, minimalinvasive Insertion möglich durch DVT-Aufnahme.

Für die Implantate liefert der Hersteller einen speziellen schwarzen Einbringschlüssel, der in den Sechskant des Locator-Attachments sicher einrastet und die Ausübung eines hohen Drehmoments beim Eindrehen des Implantates ermöglicht (Abb. 2 und 3).

Die primärstabile Insertion stellt die ultimative Voraussetzung dafür dar, eine komplikationslose Osseointegration des Implantates zu erreichen.

Bewegungen von über 150 ?m [1-6], zum Beispiel durch ungünstige Belastungen führen zu einer Störung oder sogar einem Ausbleiben der Osseointegration und folglich zu Problemen in der Phase des Einheilens, was bis zum Verlust des Implantates führen kann.

Das Design der GoDirect®-Implantate gewährleistet mit einer auf den spongiösen und den kortikalen Knochen abgestimmten Geometrie des Gewindes die erforderliche Primärstabilität. Die Präparationstechnik des Implantatbettes entscheidet natürlich ebenfalls über die Primärstabilität. Eine unterdimensionierte Aufbereitung hat sich hinsichtlich dieses Aspektes durchgesetzt.

Beim Eindrehen der selbstschneidenden Implantate kommt es durch die unterdimensionierte Knochenkavität systembedingt zu einer Kompression der Spongiosa, im Sinne einer „internen Kondensation“, die eine hohe Primärstabilität im allgemein problematischen D3 und D4 Knochen bewirkt. Für den interforaminären Knochen des Unterkiefers (D1) ist die Primärstabilität in der Regel einfach zu erzielen und gemäß dem Ledermann’schen Konzept eine Sofortversorgung auf vier Implantaten möglich (Abb. 4).

  • Abb. 4: Durch gute Primärstabilität (> 35 Nm/cm2) Sofortbelastung möglich.
  • Abb. 5: In vorhandene Prothese eingearbeitete Locator-Matrizen.
  • Abb. 4: Durch gute Primärstabilität (> 35 Nm/cm2) Sofortbelastung möglich.
  • Abb. 5: In vorhandene Prothese eingearbeitete Locator-Matrizen.

In der gleichen Sitzung, in der die Implantate eingesetzt wurden, konnte daher auch eine Ankopplung der Prothese an die Locator-Attachments erfolgen (Abb. 5). Zu diesem Zwecke wurden an der bereits vorhandenen Unterkiefervollprothese im Bereich der Implantatköpfe von der Basis her Ausfräsungen vorgenommen.

Diese Ausfräsungen in der Kunststoffbasis können ruhig großzügig angelegt sein, damit die Prothese für die Ankopplung der Matrizen im Mund des Patienten nicht zwangsgeführt wird und somit in eine andere Lage als vorher gerät.

Die Verbindung der Locator-Matrizen erfolgte unter leichtem Kaudruck (Prinzip von Singer-Sosnowski), im Mund des Patienten mit kaltpolymerisierendem Kunststoff. Auf eine ausreichende Kühlung ist zu achten. Nach Aushärtung des Kunststoffes kann die Prothese bereits nach wenigen Minuten aus dem Patientenmund entfernt und im Labor fein ausgearbeitet und poliert werden. In der gleichen Sitzung wird die so vorbereitete Prothese mit unterlegter Volon A-Haftpaste® in den Patientenmund eingegliedert und für 14 Tage dort belassen.

Die Patientin wurde angewiesen, die sofort belasteten Implantate durch schonende Nahrungsaufnahme nicht überzustrapazieren und die Mundhygiene nach der vierzehntägigen Einheilzeit morgens und abends regelmäßig mit individuell abgestimmten Prophylaxeartikeln durchzuführen.

Die Patientin zeigte sich vom enorm gesteigerten Retentionsverhalten der Prothese genauso begeistert, wie von der weniger als 2 Stunden dauernden Behandlungssitzung.

Fall 2: Oberkiefer – zweiteilig

Der zweite Behandlungsfall (Abb. 6) zeigt einen zahnlosen Oberkiefer mit unzureichendem Knochenangebot in der Transversalen. Nach Bildung eines Mukoperiostlappens ventral der beiden Kieferhöhlen wurde ein sagitaller Bonesplit in der Mitte der Alveolarfortsätze durchgeführt (Abb. 7). Mit Hilfe von Osteotomen wurde über die gesamte Länge der Alveolarfortsätze gedehnt, so dass auf jeder Seite drei Implantate ventral der Kieferhöhle inseriert werden konnten, ohne dass ein Sinuslift erforderlich wurde (Abb. 8). Die Vermeidung eines Sinusliftes ist auch möglich mit vier Implantaten, ventral der Kieferhöhle und je einem Implantat im Tuberbereich. Der Spaltraum zwischen den sechs Implantaten wurde mit Geistlich Bio-Oss® (Geistlich Biomaterials, Baden-Baden) gefüllt. Die sechs RePlus® Implantate Serie 70 der Firma Implant Direct sind prothetisch identisch mit Nobel Biocare Replace® Implantaten. Die kostenlos mitgelieferten Einbringpfosten sind gleichzeitig Abdruckpfosten und auch als 0°-Abutment verwendbar. Nach dreimonatiger Einheilzeit sind die Implantate durch einfache Stanzung freigelegt worden (Abb. 9 und 10) und die zugehörigen Abdruckpfosten wurden aufgeschraubt (Abb. 11).

  • Abb. 6: Zahnloser Oberkiefer, unzureichendes Knochenangebot in der Transversalen.
  • Abb. 7: Sagitaller Bonesplit mit Sägescheibe (für Foto Scheibenschutz entfernt).
  • Abb. 6: Zahnloser Oberkiefer, unzureichendes Knochenangebot in der Transversalen.
  • Abb. 7: Sagitaller Bonesplit mit Sägescheibe (für Foto Scheibenschutz entfernt).

  • Abb. 8: Inserierte Implantate RePlus Serie 70, Spaltraum mit Geistlich Bio-Oss® aufgefüllt.
  • Abb. 9: Stanzung zur Implantatfreilegung.
  • Abb. 8: Inserierte Implantate RePlus Serie 70, Spaltraum mit Geistlich Bio-Oss® aufgefüllt.
  • Abb. 9: Stanzung zur Implantatfreilegung.

  • Abb. 10: Freilegung der sechs Implantate durch Stanzung.
  • Abb. 11: Offene Abformung.
  • Abb. 10: Freilegung der sechs Implantate durch Stanzung.
  • Abb. 11: Offene Abformung.

Nach Abschrauben der Abdruckpfosten wurden die sechs Implantate mit Gingivapfosten in 2 mm Höhe versorgt (Abb. 12).

  • Abb. 12: Aufgeschraubte Gingivaformer.
  • Abb. 13: Laboranalog und hochgoldbeschichtetes Locator-Abutment mit Matrize.
  • Abb. 12: Aufgeschraubte Gingivaformer.
  • Abb. 13: Laboranalog und hochgoldbeschichtetes Locator-Abutment mit Matrize.

Die bereits vorhandene Oberkiefervollprothese musste im Bereich der Gingivapfosten minimal ausgeschliffen werden, was am Behandlungsstuhl erfolgte. Nach Modellherstellung mit den Implant Direct Laborimplantaten wurden die hochgoldbeschichteten Locator-Abutments aufgeschraubt (Abb. 13).

Das gleichzeitig hergestellte Prothesenmodellgerüst mit gaumenreduzierter Gestaltung und Lippenunterpolsterung durch Kunststoffschild wurde vorbereitet für die intraorale Einarbeitung der Locator-Matrizen in das Tertiergerüst (Abb. 14). Durch die beschriebene Technik lässt sich eine spannungsfreie, hochpräzise Ankopplung der Prothese an individuell gefertigte implantatgetragene Matrizen herstellen [1-3].

  • Abb. 14: Gaumenreduzierte Gestaltung, Prothese vorbereitet zur intraoralen Einarbeitung.
  • Abb. 15: Eingeklebte Matrizen mit schwarzen friktionsschwachen Retentionselementen.
  • Abb. 14: Gaumenreduzierte Gestaltung, Prothese vorbereitet zur intraoralen Einarbeitung.
  • Abb. 15: Eingeklebte Matrizen mit schwarzen friktionsschwachen Retentionselementen.

  • Abb. 16: Zufriedener Patient durch gaumenfreie Gestaltung der Prothese und festen Halt.
  • Abb. 17: OPG nachher, locatorversorgter OK, im UK festsitzende Brückenversorgung.
  • Abb. 16: Zufriedener Patient durch gaumenfreie Gestaltung der Prothese und festen Halt.
  • Abb. 17: OPG nachher, locatorversorgter OK, im UK festsitzende Brückenversorgung.

Da schon am Operationstag Wax-up und Bissschablonen vorlagen, konnte am zweiten Behandlungstag die definitive Eingliederung des kombiniert festsitzend- herausnehmbaren Oberkieferzahner-satzes auf sechs Locator-Implantaten erfolgen. Auch dieser Patient zeigte sich hochzufrieden mit dem äußerst festen und stabilen Sitz der gaumenreduzierten Oberkiefervollprothese (Abb. 16) und wünschte eine Reduktion der Abzugskräfte durch Einsatz der schwarzen Locator-Matrizen, die sich in unserer Praxis bei mehr als vier Locator-Implantaten als die beliebtesten Retentionselemente erweisen (Abb. 17).

Fazit

  • Abb. 18: Kombination von Locator-Implantat und vorhandener Teleskopkrone 43.

  • Abb. 18: Kombination von Locator-Implantat und vorhandener Teleskopkrone 43.
Mit den einteiligen GoDirect® Locator-Implantaten bietet Implant Direct Sybron ein extrem kostengünstiges Implantat-Attachment für herausnehmbare Voll- und Teilprothesen, mit vordefinierten Abzugskräften. Die Patienten profitieren von einem deutlich erhöhten Komfort und der mühelosen Erweiterungsfähigkeit. Falls ein Implantat verloren geht, kann an geeigneter Stelle nachimplantiert werden. Durch unterschiedliche Einsätze in den Matrizen können die Abzugskräfte variabel, entsprechend den Bedürfnissen des Patienten, gestaltet werden. Geringer Platzbedarf und niedrige Bauhöhe, sowie die einfachen Behandlungsschritte und die erheblichen Kosteneinsparungen gegenüber Stegversorgungen sind weitere Vorteile der Implantate. Auch die Kombination mit noch vorhandenen Teleskop-pfeilern ist möglich (Abb. 18).

Es gilt das Zitat: Technische Perfektion ist nicht erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.

 


VERWENDETE MATERIALIEN

Implantatsystem: GoDirect
Implant Direct Sybron Europe AG, CH-Zürich

Knochenersatzmaterial: Geistlich Bio-Oss®
Geistlich Biomaterials (Baden-Baden)

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Dr. Achim Sieper

Bilder soweit nicht anders deklariert: Dr. Achim Sieper


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