Therapie

Fokus auf Führungs- und Kommunikationsfähigkeiten

Patientenführung in der Parodontologie

Multiple Zahnstein-Fragmente nach Entfernung.
Multiple Zahnstein-Fragmente nach Entfernung.

Zahnärzte begegnen im Praxisalltag Patienten mit unterschiedlicher Compliance. Bei Patienten, die eine Parodontosebehandlung vor sich haben, ein PA-Rezidiv erleiden oder dauerhaft ihre parodontale Gesundheit nach PA-Therapie erhalten möchten, ist im Rahmen einer nachhaltigen Therapie ein regelmäßiger Recall zur unterstützendenden Parodontitistherapie (UPT) in festgelegten Zeitabständen erfolgsrelevant. Der langfristige Erfolg hängt jedoch davon ab, ob die Patienten mitmachen und motiviert bleiben. Die Patientenführung in der Parodontologie erfordert neben der zahnärztlichen Fachkompetenz weitere Führungs- und Kommunikationsfähigkeiten, die man erlernen muss.

Zahnerhaltung ist stets das Ziel, wenn Patienten mit parodontalen Erkrankungen vorstellig werden und sich bereits eine gewisse Progredienz eingestellt hat. Parodontale Erkrankungen sind der dominanteste Faktor für Zahnverlust. In der von der Bundeszahnärztekammer in Auftrag gegebenen Deutschen Mundgesundheitsstudie V (DMS V), die mit Experten nach internationalen Empfehlungen der Oralepidemiologie durchgeführt wurde (Jordan, Micheelis 2016), sind über 50% der Erwachsenen von einer Parodontitis betroffen.

Dabei möchte ich die wissenschaftliche Differenzierung und Bewertung der entsprechenden statistischen Signifikanzen aus vielen weiteren internationalen Studien über parodontologische Erkrankungen innerhalb der Altersgruppen von Erwachsenen unter Berücksichtigung ihrer Morbiditätsvariablen und Einflussgrößen wie sozialer Hintergrund, Bildungsgrad oder Rauchverhalten, zurückstellen und den Blick auf das direkte Arzt-Patienten- Verhältnis als Erfolgsfaktor fokussieren.

Kombination aus Wissenschaft und Praxis

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und laufenden Forschungsprojekte zur Prävention, Therapie und Nachsorge parodontaler Erkrankungen müssen in ein anwendungsorientiertes Konzept in der Praxis im alltäglichen Umgang mit den Patienten zusammenkommen. Erst die Kombination aus Wissenschaft und Anwendungsorientierung wirkt als Ganzes zum Wohle der Patienten. Dabei spielen die Führung der Patienten in der Parodontologie in Kombination mit den Kommunikationsfähigkeiten des Behandlers die entscheidende Rolle.

Interdisziplinarität

Der chronische Entzündungscharakter der Parodontitis führt lokal und systemisch zur Erhöhung von Entzündungsmolekülen, die Einfluss auf die Insulinresistenz der Patienten haben und somit letztlich die Wirkung des Insulins abschwächen können (Chen et al. 2010, Demmer et al. 2010).

Das prädiabetische Risiko und die Förderung des Übergangs in ein diabetisches Krankheitsbild hängen mit unbehandelten chronischen Parodontitiden zusammen (Taylor 1996). Es ist sicher auch für den Facharzt/Fachärztin für Allgemeinmedizin oder Innere Medizin interessant zu wissen, wie sich die Mundhygienesituation des Patienten entwickelt hat, ob dentalhygienische Maßnahmen regelmäßig durchgeführt werden oder eine parodontale Erkrankung sich chronisch manifestiert hat. Die Kommunikation zwischen Hausärzten, Internisten und Zahnärzten kann heutzutage mittels einfacher standardisierter digitaler Applikationen ausgetauscht werden. Wenn der Patient aus mehreren medizinischen Fachdisziplinen hört, dass er sich bei entsprechender Indikation einer Intensivierung der Dentalhygiene in der Zahnarztpraxis zuwenden soll, könnte dies seine Motivation und Compliance erhöhen. Bei extremen Angstpatienten, die beispielsweise aufgrund eines Traumas Arztbesuche meiden, ist im Einzelfall ein Facharzt/Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hinzuzuziehen.

Zu dem Themenkomplex „Parodontitis & Diabetes“ hat aktuell die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DGParo) eine Ratgeberbroschüre herausgegeben, die man den Patienten mitgeben kann.

Führung und Kommunikation

Die Regeneration von parodontalen Gewebe mittels Kombinationen aus verschiedenen parodontalchirurgischen regenerativen Verfahren, Transplantaten oder Membranen hat eine hohe Voraussagbarkeit des Ergebnisses erreicht (Sculean, A., Nikolidakis, D., & Schwarz, F., 2008). Die Patienten müssen auch nach erfolgreichen regenerativen Therapien zuhause weiterhin motiviert Mundhygienemaßnahmen betreiben und bei entsprechender Indikation antibakterielle Mundspüllösungen (van Maanen-Schakel 2012; Arweiler et al. 2006) als langfristige zusätzliche Maßnahme, wenn ein mechanisches Biofilmmanagement nur unzureichend durchgeführt werden kann, einsetzen (Auschill, T., Sälzer, S., & Arweiler, N., 2019). Die viertel- oder halbjährliche UPT, abhängig von der Indikation und dem Einzelfall, ist aus Sicht des erfahrenen Zahnarztes eine Pflichtübung für den Patienten, wenn das Ziel der langfristige Zahnerhalt sein soll. Aus Sicht des Patienten sieht die Betrachtung anders aus. Der Patient benötigt eine umfassende und verständliche Aufklärung, in einer individuellen und sprachlich angemessenen Aufklärungsweise, gegebenenfalls mit zusätzlichen Hilfsmitteln (Modelle, Broschüren, Videos, Apps, Zeichnungen), damit ein Verständnis mit entsprechender innerer Motivation entsteht langfristig die parodontale Gesundheit erhalten zu wollen. Nur bei motivierten und von der Nachsorge überzeugten Patienten, kann mit einer regelmäßigen UPT-Teilnahme gerechnet werden, wofür die Patienten neben der Zeit auch Geld investieren müssen. Somit hängt der nachhaltige Erfolg der Parodontitis-Therapie vom Zahnarzt und seinem gesamten Team ab, die den Patienten entsprechend führen müssen.

Konzept entwickeln

Nun gibt es zu „Führung und Kommunikation“ zahlreiche Bücher und Seminare. Dann kommt hinzu, dass es jeder Kollege anders macht und trotz der Unterschiede beim Ansatz der Zahnarztpraxen hat doch jede Praxis auf ihre Weise Erfolg. Nach 20 Jahren im Beruf, davon nun das 18.te Jahr in eigener Praxis, empfehle ich:

  1. Sie führen in der Praxis die Prozesse und Führung bedeutet: Sie als Kopf des Gesundheitsbetriebes müssen ein Konzept entwickeln, implementieren und Ihr Team nach diesem Konzept mehrfach schulen. Mehrfache Schulungen lassen immer wieder zurückliegende Patientenfälle einfließen und alle im Team partizipieren von den Erfahrungen der anderen. Dieser gemeinsame Lernprozess verbindet (Team-Building), hilft das Konzept zu verinnerlichen und stärkt die Überzeugung der Mitarbeiter von dem Praxiskonzept.
  2. Aufklärung bedeutet sich Zeit für den Patienten zu nehmen und diese entsprechend einzuplanen. Das Zeitmanagement der Praxis muss entsprechend angepasst werden. Neben der Erläuterung der medizinischen Hintergründe der langfristigen dentalhygienischen Maßnahmen und den Kosten, muss den betreffenden Patienten erläutert werden, was der Unterschied zwischen einer professionellen Zahnreinigung (PZR) und einer unterstützenden Parodontitistherapie (UPT) ist, um das erreichte Behandlungsziel stabil zu halten. Dabei muss herausgehoben werden, dass die PZR eine Prophylaxemaßnahme ist und die UPT eine Therapiemaßnahme, um Zahnverluste zu verhindern (Costa 2018). Auch dass die Einhaltung von UPT-Terminen die subgingivalen parodontalen Bakterien beeinflusst. Die Unterschiede in Zeiteinsatz, Instrumentarium, Dokumentation und gegebenenfalls in der Qualifikation der Mitarbeiter, sind Punkte, über die gesprochen werden sollte.
  3. Neben den klassischen Bereichen mit Patienten zu kommunizieren, müssen Sie als Praxisinhaber/in zuerst entscheiden, ob die Aufklärungen von Ihnen oder Ihrem Team durchgeführt werden. Sie können auch die erste Aufklärung durchführen und weitere Aufklärungen delegieren. Hier muss man immer die rechtlichen Anforderungen an Aufklärungen in der Medizin und daraus ableitbare Haftungskonsequenzen im Hinterkopf behalten.

Sicher ist, wenn Sie als Zahnarzt persönlich aufklären, sich genügend Zeit nehmen, mit Empathie sich in Ihren Patienten einfühlen können, freundlich sind, eine individuell angemessene Sprachkomplexität wählen, inhaltlich überzeugen und die Körpersprache einladend wirkt, sind das viele positive Punkte, die den Patienten überzeugen und motivieren werden.

Bei dem Punkt Kommunikation findet sich in der Literatur auch der Begriff „shared decision making“ (Klemperer, D.; 2003), welcher beschreibt, dass Patienten ein höheres Maß an Beteiligung bei Entscheidungen bezüglich Ihrer Behandlung von Ihren Ärzten erwarten. Klemperer beschreibt, dass eine Beteiligung in dem vom Patienten gewünschten Ausmaß die Behandlungsergebnisse verbessern kann. Das Konzept von „shared decision making“ sei hilfreich in der Beschreibung von Zielen und Wegen einer „zeitgemäßen, patientenzentrierten Kommunikation von Arzt und Patient“.

Aktueller Fallbericht

Der vorliegende Fall betrifft einen männlichen Patienten, 45 Jahre alt und mit einer ausgeprägten Zahnarztphobie. Er gab an seit 10 Jahren nicht mehr beim Zahnarzt gewesen zu sein. Allgemeinmedizinisch wurde die regelmäßige Einnahme von ASS 100 nach einem mehrere Jahre zurückliegenden Herzinfarkt angegeben und er kam wegen Schmerzen beim Essen.

Wie man bei den Abbildungen 1-12 sehen kann, stellte dies einen im Praxisalltag extremeren Fall dar. Die Notwendigkeit der Wiederherstellung der parodontalen Gesundheit (PCR 100%, GBI 100%, Taschensondierungstiefen 4-6 mm, teilweise Bi- und Trifurkationsbefall Grad I und II, mit mehreren Zahnlockerungen Grad I und II) war offensichtlich, lag jedoch die größte Herausforderung in der Kommunikation und Führung des Patienten.

  • Abb. 1: Ausgangssituation im Oberkiefer.
  • Abb. 2: Ausgangssituation im Unterkiefer.
  • Abb. 1: Ausgangssituation im Oberkiefer.
  • Abb. 2: Ausgangssituation im Unterkiefer.

  • Abb. 3: Frontale Aufnahme, Ausgangssituation.
  • Abb. 4: Linke Patientenseite, Ausgangssituation.
  • Abb. 3: Frontale Aufnahme, Ausgangssituation.
  • Abb. 4: Linke Patientenseite, Ausgangssituation.

  • Abb. 5: Rechte Patientenseite, Ausgangssituation.
  • Abb. 6: Multiple Zahnstein-Fragmente nach Entfernung.
  • Abb. 5: Rechte Patientenseite, Ausgangssituation.
  • Abb. 6: Multiple Zahnstein-Fragmente nach Entfernung.

  • Abb. 7: Oberkiefer nach Reinigungen.
  • Abb. 8: Unterkiefer nach Reinigungen.
  • Abb. 7: Oberkiefer nach Reinigungen.
  • Abb. 8: Unterkiefer nach Reinigungen.

  • Abb. 9: Frontale Ansicht, nach Reinigungen.
  • Abb. 10: Linke Patientenseite, nach Reinigungen.
  • Abb. 9: Frontale Ansicht, nach Reinigungen.
  • Abb. 10: Linke Patientenseite, nach Reinigungen.

  • Abb. 11: Rechte Patientenseite nach Reinigungen.
  • Abb. 12: OPG, nach Reinigungen.
  • Abb. 11: Rechte Patientenseite nach Reinigungen.
  • Abb. 12: OPG, nach Reinigungen.

Kommunikations- und Therapieplan

So nutzten wir die 1. Sitzung ausschließlich für ein Gespräch, welches 30 Minuten dauerte. Anschließend wollte sich der Patient überlegen, ob er meinem Vorschlag folgen wird, nämlich bei der 2. Sitzung ein digitales OPG anzufertigen und mit der Entfernung der weichen und harten Beläge zu beginnen. Vereinbart wurde, dass unabhängig von der 2. Sitzung, wir auf jeden Fall noch eine 3. Sitzung benötigen würden für die Entfernung der restlichen massiven Beläge. Inzwischen haben wir den Parodontalantrag für die GKV eingereicht und warten auf die Genehmigung. Mit einem entsprechenden Zeitabstand werden wir über regenerative Therapiemöglichkeiten sprechen. In diesem Fall planen wir nach gemeinsamen Gesprächen Schritt für Schritt. Der Patient hat eine positive Grundeinstellung zu seiner langfristigen parodontalen Gesundheit aufgebaut und wir unterstützen ihn fachlich und menschlich am Ball zu bleiben.

Zusammenfassung

Die Patientenführung in der Parodontologie erfordert neben der zahnärztlich-fachlichen Kernkompetenz zusätzliche Führungsund Kommunikationsfertigkeiten, um ein gutes Arzt-Patienten- Verhältnis aufzubauen. Patienten können dadurch bei ihrer eigenen Entscheidung unterstützt werden für ihre langfristige parodontale Gesundheit, mit Blick auf die allgemeinmedizinische Interdisziplinarität, den Aufwand zu betreiben und regelmäßig zur UPT zu erscheinen. Nur die Kombination aus der Dentalhygiene in der Praxis und der häuslichen Zahnpflege kann nachhaltig erfolgreiche parodontologische Therapieergebnisse erhalten und Zahnverluste langfristig vermeiden. Der Zahnarzt als Kopf des Gesundheitsbetriebes sollte ein Konzept entwickeln und implementieren, sein Team schulen und die Patienten führen, dabei ist die „shared decision making“-Strategie eine von mehreren Optionen. Die Kommunikationsfertigkeiten können erlernt und trainiert werden, sie sind ein Teil der Kompetenzen, die heutzutage abverlangt werden, um Patienten dauerhaft motivieren und führen zu können.

Näheres zum Autor des Fachbeitrages: Prof. Dr. Dr. Philipp Plugmann MSc MSc MBA


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